Atmosphäre schlägt Kultur : Was wirklich zählt, um Mitarbeitende zu motivieren
Arbeitsatmosphäre ist nicht gleich Arbeitsatmosphäre. Es ist die Frage zu klären, in welcher Atmosphäre man arbeiten möchte. Soll es beispielsweise eher eine Familienatmosphäre sein oder soll der Schwerpunkt auf Teamatmosphäre gelegt werden? Eine neue Studie verdeutlicht, dass jeder Typ von Arbeitsatmosphäre durch spezifische Schlüsselfaktoren besonders stark geprägt wird.

Für HR stehen Faktoren wie die Unternehmenskultur im Fokus, wenn es darum geht, das Arbeitsumfeld zu verbessern. Dabei wird oft übersehen, dass die Arbeitsatmosphäre nicht nur eine größere Relevanz für die Zufriedenheit und Leistung der Mitarbeitenden hat, sondern auch unmittelbar beeinflussbar ist. Anders als die Unternehmenskultur ist die Arbeitsatmosphäre kein abstraktes Konstrukt, sondern ein konkret gespürtes Phänomen, das für viele einer der wichtigsten Faktoren bei der Wahl des Arbeitgebers ist – für Frauen sogar wichtiger als das Gehalt, wie wir in unserer aktuellen repräsentativen Studie zur Arbeitsatmosphäre in Deutschland zeigen konnten.
Die Ergebnisse zeigen weiter, dass die ‚gute Arbeitsatmosphäre‘ für Organisationen keineswegs nur ‚nice to have‘ ist. Ihre Wirkung auf das Wohlbefinden, die Motivation, die Zufriedenheit und die Arbeitsleistung haben die Teilnehmenden im Schnitt fast durchgängig mit 8 bis 9 von 10 Punkten bewertet – im Guten wie im Schlechten. Die Arbeitsatmosphäre ist in diesem Sinne kein ‚weicher‘, sondern ein ‚harter‘ Faktor, der sich direkt auf den organisationalen Erfolg auswirkt.
Allgemeine Einflussfaktoren der Arbeitsatmosphäre
Für HR-Abteilungen stellt sich angesichts der Bedeutung von Arbeitsatmosphären die Frage nach ihren Einflussfaktoren. In unserer Studie zeigten sich vor allem soziale Komponenten als prägend für die Arbeitsatmosphäre. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Kollegenschaft, der Zusammenhalt im Team sowie das Verhalten der Führungsperson die stärksten Faktoren für eine positive oder negative Arbeitsatmosphäre sind. Demgegenüber sind strukturelle und räumliche Aspekte wie Arbeitsbedingungen, flexibles Arbeiten oder die Ausgestaltung von Räumlichkeiten eher von geringer Bedeutung. Auffällig ist, dass die Möglichkeiten von Home-Office insbesondere von Befragten mit einem höheren Bildungsgrad und Einkommen als wichtiger für die Arbeitsatmosphäre bewertet werden. Insgesamt offenbart sich aber ein relativ einheitliches Bild: Zwischenmenschliche Faktoren sind in allen Gruppen der bedeutendste Hebel zur Förderung einer positiven Arbeitsatmosphäre.
Schlüsselfaktoren verschiedener Arbeitsatmosphären
Arbeitsatmosphäre ist nicht gleich Arbeitsatmosphäre. Es ist die Frage zu klären, in welcher Atmosphäre man arbeiten möchte. Soll es beispielsweise eher eine Familienatmosphäre sein oder soll der Schwerpunkt auf Teamatmosphäre gelegt werden? Unsere Studie verdeutlicht, dass jeder Typ von Arbeitsatmosphäre durch spezifische Schlüsselfaktoren besonders stark geprägt wird. So bewerten Teilnehmende, die ihre Arbeitsumgebung als Teamatmosphäre wahrnehmen, insbesondere das Team, die Kollegenschaft sowie die Kommunikation als Schlüsselfaktoren. In einer Vertrauensatmosphäre hingegen spielt die Arbeitsplatzsicherheit eine herausragende Rolle, während bei einer Wohlfühlatmosphäre Faktoren wie die Bürogestaltung, die Unternehmenskultur sowie Sport- und Kinderbetreuungsangebote entscheidend zu sein scheinen. Für eine Großraumbüroatmosphäre sind interessanterweise die Home-Office-Möglichkeiten besonders wichtig, während in einer Start-up-Atmosphäre flexible Arbeitszeiten im Vordergrund stehen.
Trotz dieser unterschiedlichen Schlüsselfaktoren gibt es jedoch einen universellen Einflussfaktor: Das Verhalten der Führungsperson. Dies bedeutet, dass das Verhalten der Führungsperson wesentlich bestimmt, ob Mitarbeitende die Arbeitsatmosphäre als Vertrauensatmosphäre, als Teamatmosphäre, oder auf der anderen Seite als Angstatmosphäre oder Überwachungsatmosphäre wahrnehmen.
Was sollte HR tun – Handlungsempfehlungen
Angesichts ihrer Bedeutung können es sich Organisationen nicht länger leisten, die Arbeitsatmosphäre zu ignorieren. Ein gezieltes Management der Arbeitsatmosphäre stärkt nicht nur die Attraktivität als Arbeitgeber, sondern fördert auch die Gesundheit der Mitarbeitenden und trägt maßgeblich zum Erfolg der Organisation bei.
HR sollte gezielt Maßnahmen ergreifen, um die Arbeitsatmosphäre aktiv zu gestalten. Führungskräfte sollten regelmäßig geschult und in ihrer Sensibilität für Atmosphären gestärkt werden. Auf diese Weise minimieren Führungskräfte Diskrepanzen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung und fördern eine offene, wertschätzende Kommunikation.
HR sollte hierfür nicht nur Veränderungen vorantreiben, sondern auch selbst eine positive Arbeitsumgebung gestalten, die langfristigen Erfolg unterstützt. Davon profitieren am Ende nicht nur einzelne Personen, sondern die Organisation als Ganze.

Christian Julmi ist Privatdozent an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der FernUniversität in Hagen.

Sebastian Wittwer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation und Planung, an der FernUniversität in Hagen.