Die Zukunft gehört den Mutigen
Warum gewinnen emergente Strukturen an Bedeutung? Und warum entwickelt sich HR zum proaktiven Gestaltungszentrum der Zukunft? Die neue Kolumne von Chefredakteur Franz Langecker zur Umsetzung der 5 Thesen des Whitepapers 2025 des ZP Think Tank Innovation und zum „Wahrwerden der Visionen“.

Deshalb sollten wir aufhören weiter im Trüben zu fischen. Kritik muss sein, aber sie allein bringt uns nicht weiter. Es sieht manchmal so aus, als würden wir es uns im Selbstmitleid bequem machen wollen. Natürlich fällt es uns schwer, Aufbruchstimmung zu verbreiten und zu sehen. Wer die 5 Thesen des Whitepaper 2025 des ZP Think Tank Innovation gelesen hat, spürt den Drang zur Veränderung. Er kann mit Zuversicht in die Zukunft blicken. In den letzten Monaten 2025 habe ich diese Thesen vorgestellt und thematisiert. Jetzt geht es um die Umsetzung und das „Wahrwerden der Visionen“.
Für die Autoren stecken wir bereits inmitten dieser Transformation. Und wie in den ersten Thesen bereits angekündigt, verläuft die Veränderung nicht graduell, sondern exponentiell. Sie folgt der Gesetzmäßigkeit vernetzter Systeme, in denen kleine Veränderungen lawinenartige Auswirkungen haben können. Jetzt beginnt die zweite Phase, in der KI zum strategischen Partner wird. Multi-Agent-Systeme übernehmen komplexe Entscheidungsprozesse. KI wird so zum Co-Piloten in strategischen Fragen, von der Personalplanung bis zur Organisationsentwicklung. Ab 2027 entwickelt sich KI hin zum organisationalen Akteur. Autonome KI-Agenten agieren selbständig in Organisationsnetzwerken. Das setzt voraus, dass Prozesse strukturiert und zu Ende gedacht sind, ähnlich wie bei den Rennsportprinzipien. Sie führen Verhandlungen, treffen operative Entscheidungen und gestalten aktiv organisationale Realitäten. Wenn z.B. HR mit automatischen Freigabeprozessen klare Regeln setzen kann, werden hierarchische Strukturen durch fluide Ökosysterme abgelöst.
Emergente Strukturen gewinnen an Bedeutung
Dahinter verbirgt sich die Feststellung, dass das Ganze mehr ist, als die Summe seiner Teile. Emergenz steht für das Auftreten neuer Eigenschaften, neuer Muster oder Verhaltensweisen in einem System. Sie entstehen aus dem Zusammenspiel und sind Eigenschaften auf einer neuen Dimension, die auf der Ebene der Einzelteile nicht vorkommen. So wie einzelne Ameisen einfachen Regeln folgen, zeigt der Ameisenstaat als Ganzes ein höchst komplexes Verhalten. Emergenz steht für die überraschenden Eigenschaften komplexer Systeme, die eigentlich auf einfachen Bausteinen beruhen. Vielleicht helfen uns diese Überlegungen, KI und deren Auswirkungen besser zu verstehen. Hier steckt das Potenzial für Entwicklungen, die wir mit unserem linearen Denken nicht auf dem Schirm haben. Die meisten kennen das Bild vom Flügelschlag eines Schmetterlings in China, der unser Wetter beeinflussen kann. Auch wenn wir nicht alles verstehen, schließt es die Existenz anderer Dinge nicht aus.
Mit der Transformation entstehen ganz neue Organisationsarchetypen, Denkmuster und Begrifflichkeiten. In der angelsächsischen Geisteswelt entstehen ständig neue Wortbilder und Wortschöpfungen, die uns helfen, das Zukünftige zu antizipieren und besser zu verstehen. Die Begriffe machen nicht Angst. Sie bauen Brücken und öffnen neue Fenster, um die Veränderungen zu verstehen. Sie machen neugierig auf die Transformation. Sie laden uns ein, sich darauf einzulassen. Da sind die „Platform Organizations“. Sie schaffen Infrastrukturen, auf denen verschiedene Akteure Wert schöpfen können. „Mission-driven Collectives“: Temporaräre Zusammenschlüsse von Menschen und Organisationen, die sich um spezifische gesellschaftliche Herausforderungen formieren. „Hybrid Entities“: Neue Rechtsformen, die Profit und Purpose systematisch verbinden. Diese „Bilder“ spiegeln die Neuerfindung der Beziehung zwischen Mensch, Technologie und Organisation wider.
HR entwickelt sich zum proaktiven Gestaltungszentrum der Zukunft
Durch die Automatisierung administrativer Aufgaben wechselt HR vom Kostenfaktor zum Wertschöpfungstreiber. Ein gutes Beispiel dafür sind die Fünf Recruiting-Trends für 2026. Dabei geht es um die optimale Entfaltung des menschlichen Potenzials. McKinseys Forschung (Revenue-Impact durch People-Excellence) zeigt, dass Organisationen mit exzellenter People-Performance eine um 2,3 höhere Revenue-Growth erzielen. Durch Predictive Analytics und datengetriebene Insights wird HR zum strategischen Beratungspartner. Die Integration von KI und Advanced Analytics erweitert maßgeblich die Fähigkeiten und Potenziale von HR. Der Bereich könnte so zur „Kristallkugel“ der Organisation werden und Arbeitsumgebungen schaffen, die Menschen nicht nur produktiv, sondern auch erfüllt machen. Organisationen, die sich darauf einlassen, stärken ihren Überlebensfaktor. Sie betreiben „Dynamic Capability Building“, sie erlauben und ermöglichen Emergenz und sie bauen eine antifragile Resilienz auf. Dabei wird jede Störung zum Anlass für Verbesserung und Weiterentwicklung. Das Think-Tank-Team sieht in der Kombination menschlicher Kreativität mit maschineller Effizienz die neuen Dimensionen der Wertschöpfung. Sie ermöglichen neue Geschäftsmodelle und Marktmöglichkeiten. Das Thesenpapier hat eine hohe Flughöhe. Nur so schaffen es die Verfasser, Zusammenhänge zu sehen und herzustellen. Es wäre schön, wenn wir dann in HR weder ein Tool- noch ein Systemproblem haben würden.
Wortwörtlich heißt es im Paper: „Die Zukunftsresilienz ist eine strategische Überlegenheit, denn antifragile Organisationen überstehen nicht nur Krisen – sie nutzen sie als Sprungbretter für exponentielles Wachstum. In einer Welt permanenter Volatilität wird diese Fähigkeit zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.“ Seit COVID leben wir in disruptionsintensiven Zeiten. Und inzwischen ist soviel in Bewegung gekommen, dass kein Ende der Transformation mehr absehbar scheint. Das bedeutet, dass First-Mover, die jetzt handeln, einen strukturellen Vorteil gegenüber Nachzüglern haben. Investitionen in diese Transformation zahlen sich exponentiell aus. Und der Netzwerkeffekt bedeutet, umso mehr Organisationen Teil der Veränderung werden, desto effizienter und wertvoller wird die Teilnahme. Am Schluss des Papers heißt es: „Die Zukunft gehört jenen, die verstehen und mutig sind zu handeln. Denn der Mensch ist nicht nur der wichtigste Produktionsfaktor im digitalen Zeitalter, er ist der einzige Faktor, der wirklich zählt. Alles andere kann automatisiert werden. Die Kunst liegt darin, Umgebungen zu schaffen, in denen Menschen das leisten können, was nur Menschen können: kreativ sein, empathisch handeln, ethisch entscheiden und Wert für andere Menschen schaffen“.

Franz Langecker
Chefredakteur HR Performance



