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Wie man Rennsportprinzipien direkt in die Arbeitswelt übersetzt : Von „Look ahead“ bis „Reset nach Fehlern“

Wer die Arbeitswelt verbessern will, kann vom Rennsport lernen, wie Teamleistung messbar, wiederholbar und resilient organisiert wird, sodass Erfolg nicht vom Zufall oder Einzelpersonen abhängt, sondern nachhaltig und effizient steuerbar wird.

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Rennwagen im Comic-Style
Foto: ©AdobeStock/Jibber

Weder auf der Rennstrecke noch im Unternehmen ist Hochleistung ein Zufallsprodukt. Im Rennsport wird Performance als System gedacht: klare Rollen, trainierbare Routinen, unmittelbares Feedback und ein mentaler Reset nach Fehlern. Aber genau diese Prinzipien fehlen bei vielen Organisationen im Alltag. Wer die Arbeitswelt verbessern will, kann vom Rennsport lernen, wie Teamleistung messbar, wiederholbar und resilient organisiert wird, sodass Erfolg nicht vom Zufall oder Einzelpersonen abhängt, sondern nachhaltig und effizient steuerbar wird.

Seit fast einem Jahr bin ich Senior Director of Performance Improvement bei Fiverr – eine Stelle, die das Unternehmen eigens für mich geschaffen hat. In dieser Rolle verbinde ich mehr als 25 Jahre Erfahrung als Rennsporttrainer mit analytischer Präzision, zuletzt auch als Gewinner der RCN-Meisterschaft der Rundstrecken-Challenge Nürburgring.

Aus dieser Perspektive ergeben sich vier Kernfragen, die sich Unternehmen stellen sollten, um Rennsportprinzipien direkt in die Arbeitswelt zu integrieren und die eigene Leistung maßgeblich zu verbessern:

1) Verglichen mit dem Boxenstopp im Rennsport: Hat Ihre Organisation ein wirklich messbares und wiederkehrendes Ereignis, für das Sie „Übungszeit” einplanen können?

Ein Formel-1-Boxenstopp ist ein messbares Hochleistungs-Event: Sekunden entscheiden, jeder Schritt ist standardisiert, jede Rolle klar. Auch in Unternehmen gibt es solche Momente: Von Produkt-Launches, über Sprint-Plannings bis zu Sales-Reviews.

Entscheidend ist, solche wiederkehrenden Momente bewusst als Performance-Event mit messbarem Output zu definieren. Dann kann man sie trainieren: Den Ablauf in Micro-Steps zerlegen, Standards festlegen und diverse Varianten simulieren. „Look ahead“ heißt dabei nicht nur den aktuellen Ablauf zu optimieren, sondern sich gezielt auf das nächste Event vorzubereiten: Wo erwarten wir Stress, was könnte anders sein, was müssen wir vorab durchspielen?

2) Feedback ist kein Tool, sondern ein Mindset. Wird es unmittelbar und regelmäßig eingesetzt?

Teams im Rennsport kommen unmittelbar nach jeder Session zu einer Nachbesprechung zusammen. Alle Beteiligten sitzen zusammen, jede Perspektive zählt, und am Ende steht ein klarer Fokuspunkt für das nächste Rennen fest. In Unternehmen wird Feedback dagegen oft vertagt oder formalisiert und verliert dadurch Wirkung.

Übertragen heißt das: ein kurzer „Instant-Debrief“ direkt nach dem eigentlichen Ereignis. Was lief gut? Was nicht? Und was ändern wir konkret bis zum nächsten Mal? Wichtig dabei ist, die Nachbesprechung mit einem „Reset nach Fehlern“ abzuschließen: Fehler benennen, Ursache verstehen, Learning ableiten und dann loslassen. Keine ewige Schuldschleife, kein Nachtreten. Während das Prinzip „Look ahead“ Vorbereitung bringt, sorgt der Reset für Klarheit und macht Teams mental frei für das nächste Event.

3) Kennt jede Person ihre Rolle im Team und kann genau erklären, was sie zu einem Experten auf dem eigenen Gebiet macht?

Sind Rollen unklar, wird Leistung zufällig statt reproduzierbar. Im Rennsport kann jede Person ihren Beitrag in einem Satz erklären. Wenn dagegen Rollen diffus oder überlappend formuliert sind, rächt sich das besonders in kritischen Momenten: Verantwortung wandert, Schnittstellen wackeln und die Expertise bleibt unsichtbar.

Hochleistung beginnt deshalb mit einer Klarheit in Bezug auf die Rollenverteilung. Jede bzw jeder sollte sicher sagen können: Was ist meine Aufgabe im Team? Woran erkennt man meine Expertise? Wo endet mein Beitrag und wo beginnt mein nächster? Übergaben werden so stabil, Entscheidungen schneller und Nachbesprechungen präziser.

4) Was ist das Rennen? Gegen wen tritt man an? Lässt sich der Erfolg auch anders als nur anhand des Umsatzes messen?

Ohne Rennstrecke und Ziellinie gibt es keine Performance-Logik. Im Motorsport gewinnt man nicht, weil man fährt. Man gewinnt, weil klar ist, woran Erfolg konkret gemessen wird und wem man im Feld begegnet. Für Unternehmen heißt das herauszufinden, was ein eigenes Rennen konkret bedeutet: Geschwindigkeit, Qualität, Service-Level, Innovation oder ein bestimmtes Marktsegment gezielt zu bedienen? Zudem muss man wissen, mit wem oder was man die eigene Leistung vergleicht und wie sich der eigene Fortschritt jenseits von Umsatz messen lässt. Nur wenn die Ziellinie klar definiert ist, kann man das Training gezielt besser gestalten.

Wer eine Rennsport-Mentalität in Teams verankern will, benötigt tragfähige Antworten auf alle vier Fragen. Dann wird Leistung nicht zur Frage von Bauchgefühl, sondern zu einem System aus trainierbaren Abläufen, klaren Rollen, schnellen Lernschleifen und messbarem Fortschritt.

Dann beginnt das wichtigste Rennen: das Rennen gegen sich selbst. „Race yourself“ bedeutet, Runde für Runde an jedem Beitrag zu feilen – datenbasiert und menschlich zugleich. Genau diese Kombination aus klaren Metriken und mentaler, rollenbasierter Teamarbeit macht aus guter Arbeit Hochleistung. Mit Blick nach vorn und einem schnellen Reset, wenn etwas schiefgeht.

Hagay Farran

Hagay Farran, Senior Director of Performance Improvement bei Fiverr

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