Ringen um den Spagat zwischen 8-Stunden-Tag und der Wochenarbeitszeit
Wir leben eindeutig in einer „Care-Ökonomie“, die wir akzeptieren und vernünftig organisieren müssen. Mit dieser Realität sind wir tagtäglich konfrontiert. Sie gilt es bei der Diskussion um die Arbeitszeit zu berücksichtigen. Wir dürfen die Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte nicht aufgeben.

Der Acht-Stunden-Tag wurde im November 1918 vom Rat der Volksbeauftragten gesetzlich verankerte und ab dem 1. Januar 1919 umgesetzt. Während der Industrialisierungsphase waren Arbeitszeiten von 12 -16 Stunden pro Tag keine Seltenheit. „Finger weg von der Acht“, sagte Yasmin Fahimi, die wiedergewählte Chefin des DGB auf dem jüngsten DGB-Bundeskongress in Berlin. Der Acht-Stunden-Tag gehört zur DNA der Gewerkschaften. Dass die Arbeitnehmer diese große Errungenschaft bedroht sehen, sorgt für Unruhe. Da die beiden Regierungsparteien im Koalitionsvertrag 2025 vier größere Vorhaben vereinbart haben, kommt das Thema in den nächsten Wochen auf den Tisch, selbst wenn sich Bärbel Bas von der SPD wünscht, dass der Kelch an ihr vorübergehen möge.
Der erste Punkt betrifft den Wunsch statt auf die tägliche auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu setzen. Im zweiten Punkt geht es um die Ausweitung der Elektronischen Zeiterfassung. Ziel des dritten Punktes ist der Erhalt der Vertrauensarbeitszeit. Und viertens sollen steuerliche Anreize für Mehrarbeit geschaffen werden. Im Juni will die Arbeitsministerin einen ersten Gesetzesvorschlag vorlegen. Noch sind keine konkreten Details bekannt. Die Arbeitgeberverbände erwarten eine ihrer Meinung nach längst überfällige Modernisierung. Unser Experte Dr. Andreas Hoff äußert dazu seine konkrete Meinung und ordnet die Fakten ein.
Umfragen zeigen, dass die Menschen in diesem Land geteilter Meinung sind. Laut einer Studie des Meinungsforschungsunternehmens IPSOS plädieren etwa die Hälfte für eine Abschaffung des Acht-Stunden-Tages. In der Studie wurden 1000 Personen zwischen 18 und 75 Jahren befragt. Dabei sehen Frauen die Abschaffung mit Skepsis. Menschen mit hohem Bildungsniveau plädieren mehrheitlich für die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages im Gegensatz zu 41 Prozent der Befragten mit niedrigem Bildungsniveau.
Carearbeit als ökonomische Leistung anerkennen und vergüten
Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen wächst die Angst der Menschen, dass soziale Errungenschaften geopfert werden. Wir alle erleben seit Jahren, seit Jahrzehnten, wie sich die Arbeitswelt und die Wirtschaft verändern. Die Industrialisierung, die Globalisierung, die Digitalisierung und jetzt die Künstliche Intelligenz. Der Wettbewerb wird international härter und die Situation auf den Rohstoffmärkten volatiler. Was bedeutet das für unsere Wirtschaft und für unsere Arbeitswelt? Viele Menschen fühlen sich angesichts der rasanten Veränderungen allein gelassen. Die Politik nimmt die Menschen nicht mit. Anstatt sie für Reformen zu gewinnen, schafft sie vollendete Tatsachen. Es fehlen die kleinen und die großen Visionen.
Wer alte Zöpfe abschneidet, muss auch Neues anbieten. Nicht nur die ökonomischen Bedingungen haben sich geändert. Auch unsere Lebenssituation und die Verhältnisse, in denen wir heute leben, stecken im Umbruch. Überalterung, fehlender Nachwuchs und die Singularisierung in unserer Gesellschaft rufen nach neuen Antworten. Dr. Elisabeth Stiefel ist 1929 geboren. Sie hat Wirtschaftswissenschaften studiert und an der Pariser Sorbonne und in Tübingen promoviert. In einem Interview im Kölner Stadt-Anzeiger vom letzten Samstag weist sie auf die unsichtbare Arbeit in unserer Gesellschaft hin. „Pflege und Fürsorge – für Kinder, für Alte, für Kranke – das ist die Grundlage, auf der sich unsere gesamte Wirtschaft stützt. Ohne diese Arbeit gibt es keine Arbeitskräfte von morgen, keine funktionierenden Familien, keine tragfähige Gesellschaft. Sie fordert die Aufwertung und die bessere Bezahlung der Carearbeit. „Wir brauchen eine feministisch-ökonomische Sichtweise, die Wellbeing und nicht materiellen Reichtum in den Mittelpunkt stellt.…Carearbeit ist keine Privatsache. Sie ist das Fundament. Wir müssen sie endlich so behandeln.“
Stolpern auf dem Weg in eine andere Gesellschaft und Arbeitswelt
Der Anteil der Sozialausgaben im Bundeshaushalt liegt bei fast 40 Prozent. Wir leben eindeutig in einer „Care-Ökonomie“, die wir akzeptieren und vernünftig organisieren müssen. Mit dieser Realität sind wir tagtäglich konfrontiert. Sie gilt es bei der Diskussion um die Arbeitszeit zu berücksichtigen. Wir dürfen die Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte nicht aufgeben. Wir müssen sie an die neuen Verhältnisse der Gesellschaft und auf die Bedürfnisse der sich verändernden Wirtschaft anpassen. Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Politiker und Wirtschaft stehen deshalb vor großen Herausforderungen, für die sie gemeinsam Antworten finden müssen. Der Konfrontationskurs in der Politik bringt uns Lösungen nicht näher. Diese Einsicht scheint allmählich auch bei den Politikern anzukommen. Markus Söder erklärte am Sonntagabend in der ARD bei Caren Miosga, dass er sich ein neues Bündnis für Arbeit vorstellen kann, gemeinsam mit den Arbeitgebern und den Gewerkschaften. Diesen Dienstag hatte Bundeskanzler Merz die SPD-Bundestagsfraktion besucht und mehr Kompromissbereitschaft auf allen Seiten gefordert. Wenn sich damit ein neuer Politikstil ankündigt, können wir der Arbeitszeitdiskussion mit Zuversicht entgegenblicken.

Franz Langecker
Chefredakteur HR Performance



