Startseite » News » Der HR-Anglizismen-Tsunami pusht Visionen, Bullshit-Sprech und Business-Glitzer

Der HR-Anglizismen-Tsunami pusht Visionen, Bullshit-Sprech und Business-Glitzer

Seit den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts überfluten uns die Digitalisierungswellen ständig mit neuen Anglizismen. Das spürt man ganz besonders in der HR-Landschaft.

4 Min. Lesezeit
Dose mit Bullshit-Schriftzug
Foto: ©AdobeStock/shpock

In den 90er-Jahren begannen sich die Begriffe Personal Management, HR, HCM, Management Development und Organisational Development zu etablieren. Inzwischen lösen bereits neue Beschreibungen wie People und Culture die alteingeführten Wortbilder ab.

Das Leibnitz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim (IDS) hat für die Süddeutsche Zeitung untersucht, welche Anglizismen seit dem Jahr 2000 in Unternehmen, aber auch in anderen Lebensbereichen in Mode gekommen sind. Dafür wurden deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften ausgewertet (SZ 31.01. /01.02. 2026). Welche Begriffe haben laut der Studie Karriere gemacht und gehören heute schon zum Alltag in der deutschen Sprache? Homeoffice, Deal, Performance, Feedback, Challenge, Meeting und Gamechanger. Stark im Trend liegen zur Zeit auch Flow, Call, Loop, pitchen und fine/fein (mit etwas) sein. Der Begriff Homeoffice beherrscht noch immer die Arbeitswelt. In vielen Firmen läuft die Diskussion, ob die Mitarbeiter remote bleiben können oder zurück ins Büro müssen. Peter Weber überlässt die Entscheidung seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Er plädiert für mehr Digitalisierung an Stelle von Bürozwang.

Einst hatte man sich für die Einführung einer neuen Software noch um das deutsche Wort Ausrollen bemüht. Heute sind wir fine damit oder bereits im Flow. Vielfach fehlen uns einfach prägnante deutsche Begriffe für die neuen Botschaften, Beschreibungen und Visionen. Als wir uns bei DATAKONTEXT 2009 entschieden den Titel unserer Zeitschrift CoPers (Computergestützte Personalarbeit) in „HR Performance“ umzuwandeln, hätten wir auch den naheliegenden deutschen Begriff „HR-Leistungsfähigkeit“ nehmen  können. Wie hätte das geklungen? Der englische Begriff engt weniger ein. Und er kommuniziert eine Botschaft. Letztere war für uns damals wichtig.

Bekommt HR verbal wieder „deutschen“ Boden unter die Füße ?

Bei der Sichtung des Whitepaper 2025 des ZP Think Tanks Innovation im letzten Jahr (siehe Kolumnen von 2026) wurde ich vom Tsunami der Anglizismen schier überrollt. Kein Zweifel, die englischen Wörter klingen modern, innovativ, treffender, cooler und gewinnender. Aber sie machen uns auch zu Getriebenen dieser Begrifflichkeiten. Wer nicht am Ball bleibt, kann sich im Dschungel der Wortgewächse verlieren.

Früher waren wir „fine“ mit dem Begriff Einstellung. Heute kennt man nur noch Recruiting. Die MitarbeiterInnen werden „active gesourct“ im Cloud Recruiting. Die Candidate Experience ist Teil des Employee Engagement. Gewünscht sind Meta-Skills. Kaum sind sie in ihrem Landing space, beginnt das Onboarding. Läuft es schief startet das Offboarding. Jeder kennt seine Workload. Das Performance Feedback zeigt schnell, wer zu den Highperformern und zu den Underperformern gehört. Das Performance Review mißt, ob sich das Investment in das Talent Management amortisiert. Wir leben in einer Purpose-driven Welt. Dabei ist die Work-Life-Integration wichtig. Um die guten und wichtigen MitarbeiterInnern nicht zu verlieren, braucht es ein Retention System. Dazu gehören Behavioral Analytics (KI-basierte Analyse von Kündigungsindikatoren), Proactive Intervention (automatisierte Gegenmaßnahmen bei kritischen Warnsignalen) und die Strategic Redundancy (systematischer Aufbau von Backup-Kompetenzen).

KI beginnt unser Leben nicht nur praktisch sondern auch verbal zu dominieren. Es begann als Effizienz-Multiplikator. Inzwischen entwickelt es sich vom strategischen Partner weiter zum organisationalen Akteur. Langsam zeigt sich, ob die Human-AI Collaboration zu mehr Exellence führen wird. Die Rapid Adaption Capability, die Fähigkeit zur schnellen Anpassung an veränderte Umstände wird zur Kernkompetenz. Das stärkt nicht nur die Resilienz. Es hilft beim Aufbau einer antifragilen Organisation. Hinter diesem Business-Sprech oder Wortgetöse verbergen sich viele Ideen oder Visionen.  Dabei kommt es immer darauf an, was man daraus macht.

Für den Business-Bullshiter soll es einfach nur schlau klingen

Unternehmen bieten eine gute Grundlage für die Verbreitung von Bullshit schreibt Shane Littrell von der Cornell University in einer Studie im Fachjournal „Personality und Individual Differences“. Der Psychologe weist darauf hin, dass es in der Wirtschaft nur so von Floskeln und banalen Aussagen wimmelt, mit denen sich alles Mögliche „aufbrezeln“ lasse. Litrell sieht hier viel Corporate Bullshit und leeres Gelaber. Der Business-Bullshiter positioniert sich für ihn eher als Wichtigtuer. Er liebt das Wortgetöse. Er will gar keine Botschaft vermitteln.

In der Businesswelt erleben wir eine verbale Überfremdung in und durch die Kommunikation. Das ist Teil der New Work über die wir schon seit seit 50 Jahren reden. Keiner will als rückständig gelten. Führung übernehmen heißt vorangehen. Da kann dann auch mal ein Rohrkrepierer dabei sein. Die Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) Gitta Connemann bedauert mittlerweile die Wortwahl eines Antrags „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“  für den CDU-Parteitag. Wer lange genug in dieser Business Wording-Suppe geschwommen ist, wird feststellen, den Angelsachsen gelingt es ganz gut, dabei immer den Schein des Negativen zu vermeiden. „Think positiv“!

Underperformer klingt einfach besser als Versager. Und als Highperformer findet auch der Streber seine Akzeptanz. Rückblickend kann ich nur bestätigen, dass das Personalwesen unendlich viel durch den Management-Sprech gewonnen hat. Haben Sie schon einmal vom „Employer of Record“ Konzept gehört? Und wer vermeiden will, auf verbale Minen zu treten, kann sich bei seinem Team oder im Co-Leadership rückversichern, ob das geplante Wording passt. Übrigens eignet sich Co-Leadership auch als Burnout Prävention. Lassen sie sich von den Vorboten des Frühlings inspirieren und tappen Sie nicht in anglizistische oder deutsche verbale Fallen. Auf Bullshit können wir verzichten.

Franz Langecker, Chefredakteur HR Performance

Franz Langecker

Chefredaktion HR Performance

Andere interessante News

Flexibler Buntstift im Mittelpunkt von geraden Buntstiften

Der positive Umgang mit Arbeitszeit gehört zum deutschen Erfolgsmodell

Die Wenigsten wollen zurück in das Arbeitsleben des letzten Jahrhunderts. Die Modernisierung der Arbeitswelt bleibt ein permanentes zeitloses Projekt. Die aktuellen Arbeitszeitdisk...

Ein Vater sitzt mit seinen zwei Kindern auf dem Sofa und liest ihnen vor.

Lifestyle-Teilzeit im Trend?

Angesichts des Fachkräftemangels möchte die Mittelstandsunion das Recht auf Teilzeit einschränken. In einem Antrag für den CDU-Parteitag bezeichneten die Verantwortlichen die verkü...

Abhängigkeiten, zwei Männer stehen auf Leitern und malen einen Fisch

Was früher richtig war, kann heute ein Fehler sein

Es wird Zeit, dass Europa die eigenen Kapazitäten ausbaut, seine Ressourcen stärker nutzt und selbst Software in die ganze Welt exportiert, wie einst beim Thema Datenschutz. Der eu...