Die neue Doppelmoral : Recruiting mit KI
Jeder zweite Bewerber nutzt bereits KI für Anschreiben und Lebenslauf, während die meisten Unternehmen beim KI-Einsatz im Recruiting noch zögern – eine asymmetrische Entwicklung mit Folgen. Eine aktuelle YouGov-Studie zeigt: Trotz Effizienzgewinnen bleibt das Misstrauen auf beiden Seiten hoch, und 88 Prozent der HR-Fachkräfte wollen die finale Entscheidung nicht an Algorithmen abgeben.

Künstliche Intelligenz transformiert das Recruiting asymmetrisch: Bewerber:innen setzen KI-Tools routinemäßig für Bewerbungsunterlagen und Interviewvorbereitung ein, während zahlreiche Unternehmen die Technologie im Recruiting erst explorativ erproben. Für HR-Verantwortliche bietet KI Potenzial zur Prozessoptimierung und Ressourcenentlastung. Datenbasierte Auswahlentscheidungen begegnen jedoch nach wie vor Vorbehalten – auf Seiten der Kandidat:innen ebenso wie bei HR-Fachkräften selbst. Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle YouGov-Studie im Auftrag der HR-Plattform Tellent.
Studie offenbart unterschiedliche Anwendungen
„Die Studie zeigt ein klares Spannungsfeld: Kandidat:innen nutzen KI bereits selbstverständlich, während viele Unternehmen beim Einsatz der Technologie im Recruiting noch am Anfang stehen“, fasst Moritz Kothe, CEO von Tellent, die Ergebnisse zusammen. „Gleichzeitig bleibt das Misstrauen gegenüber KI-unterstützten Auswahlprozessen auf beiden Seiten hoch. Die Zukunft liegt nicht im Ersatz menschlicher Einschätzung, sondern in besseren, konsistenten Entscheidungsgrundlagen.“
Recruiting-Teams verbringen weiterhin viel Zeit mit administrativen Aufgaben. 38 Prozent der HR-Fachkräfte nennen die Sichtung und Vorauswahl von Bewerbungen als größten Zeitfaktor, gefolgt von der Kommunikation mit Bewerber:innen (33 Prozent), der Erstellung und Veröffentlichung von Stellenanzeigen (29 Prozent) sowie der Koordination von Interviews und Terminen (28 Prozent).
Entsprechend groß ist der Wunsch nach technologischer Unterstützung im Recruiting-Alltag: Mehr als die Hälfte der befragten HR-Fachkräfte (52 Prozent) sehen einen Vorteil von KI vor allem in der Entlastung bei administrativen Aufgaben. 45 Prozent erwarten zudem eine spürbare Zeitersparnis bei der Vorauswahl von Bewerbungen. Unternehmen, die KI bereits regelmäßig einsetzen, berichten mehrheitlich von konkreten Effizienzgewinnen – 68 Prozent sprechen von einer deutlichen Entlastung im Arbeitsalltag.
Studie bestätigt frühe Entwicklungsphase
Die befragten HR-Fachkräfte bestätigen zudem, dass sich viele Unternehmen beim Einsatz von KI im Recruiting noch in einer frühen Entwicklungsphase befinden. Bislang haben lediglich sieben Prozent KI fest in ihre Recruiting-Tools integriert. Gleichzeitig testen viele Arbeitgeber derzeit entsprechende Funktionen oder suchen aktiv nach passenden Lösungen (35 Prozent). 29 Prozent setzen aktuell noch keine KI im Recruiting ein.
Bewerbungsprozesse verändern sich bereits deutlich
Auf Bewerberseite gehört KI dagegen bereits zunehmend zum Alltag: Jede bzw. jeder zweite der Befragten, die sich in den letzten 12 Monaten aktiv beworben haben, nutzt KI für die Erstellung oder Optimierung von Anschreiben, 41 Prozent für ihren Lebenslauf und 34 Prozent zur Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche.
Diese Entwicklung verändert aus Sicht vieler Recruiter:innen auch die Vergleichbarkeit von Bewerbungen: 73 Prozent der HR-Fachkräfte sagen, dass der wachsende KI-Einsatz auf Bewerberseite die Vergleichbarkeit von Bewerbungen beeinflusst.
Angst vor fehlender menschlicher Empathie
Trotz zunehmender KI-Nutzung bleibt die finale Verantwortung für Einstellungen klar beim Menschen: 88 Prozent der HR-Fachkräfte wollen die letzte Entscheidung trotz KI-Unterstützung weiterhin selbst treffen. Gleichzeitig sagen lediglich drei Prozent, dass Recruiting in ihrem Unternehmen heute hauptsächlich auf KI-gestützten Datenanalysen basiert.
Auch Bewerber:innen stehen datengetriebenen Entscheidungen skeptisch gegenüber. Mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent) ist der Ansicht, dass KI im Recruiting höchstens administrative Aufgaben übernehmen sollte. Nur neun Prozent finden, dass die Technologie Entscheidungen weitgehend selbst treffen sollte. Daraus ergibt sich eine scheinbare Doppelmoral. Auch wenn jede:r Zweite KI in der Bewerbungsphase einsetzt, möchten Kandidat:innen nicht von dieser beurteilt werden. Zu hoch ist die Angst vor fehlender menschlicher Empathie, mangelnder Transparenz sowie algorithmischen Vorurteilen.
Keine Angst vor Daten
„Unternehmen müssen die richtige Balance zwischen Effizienz, Transparenz und Vertrauen finden“, so Moritz Kothe, CEO von Tellent. „Personalentscheidungen werden in vielen Unternehmen noch immer häufig aus dem Bauch heraus getroffen – auf Basis persönlicher Eindrücke und individueller Erfahrungen statt belastbarer Daten. Gerade im Recruiting kann das zu Intransparenz, Verzerrungen und schwer vergleichbaren Entscheidungen führen. Technologie sollte Recruiting nicht entmenschlichen, aber dabei helfen, Entscheidungen strukturierter, nachvollziehbarer und fairer zu gestalten. Keine Angst vor Daten!“
Befragt wurden Ende April 2026 insgesamt 390 Personen, die sich innerhalb der letzten 12 Monate aktiv beworben haben, befragt wurden. Zudem wurden auch 271 HR-Mitarbeitende – darunter 224, die im Recruiting tätig sind – basierend auf Online-Interviews mit Mitgliedern des YouGov Panels befragt, die der Teilnahme vorab zugestimmt haben.
Quelle: Tellent



