„Empathie, Vertrauen und professionelle Begleitung lassen sich nicht automatisieren.“ : Interview mit Ferdinand Teuber, VP und Head of Germany Enterprise Business bei Wellhub
Wellbeing ist kein Nice-to-have mehr, sondern ein entscheidender Erfolgsfaktor: 89 Prozent der Unternehmen sehen es als zentral für ihren Unternehmenserfolg, 91 Prozent berichten von höherer Produktivität durch entsprechende Programme. Ferdinand Teuber erklärt im Interview, warum ganzheitliche Ansätze wichtiger sind als Einzelmaßnahmen und welche Rolle KI dabei spielen kann – ohne den Menschen zu ersetzen.

HRP: Warum ist Wellbeing ein Thema, das auch in Zukunft nicht weniger wichtig ist?
Ferdinand Teuber: Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Unternehmen stehen heute vor der Herausforderung, ihre Mitarbeitenden langfristig gesund und motiviert zu halten. Wellbeing ist deshalb längst mehr als ein zusätzlicher Benefit. Es hilft Unternehmen, Talente zu gewinnen und zu binden, die Produktivität zu steigern und dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben. Unsere aktuelle Return on Wellbeing-Studie zeigt, dass 89 Prozent der Unternehmen Wellbeing als entscheidend für ihren Unternehmenserfolg sehen und 91 Prozent von einer höheren Produktivität durch Wellbeing-Programme berichten. Das zeigt, dass immer mehr Unternehmen erkennen, dass der Unternehmenserfolg eng mit der Gesundheit und dem Wohlbefinden ihrer Mitarbeitenden verknüpft ist.
HRP: Was sind aus Unternehmenssicht die dringendsten Ziele, die sie mit dem Fokussieren auf Wellbeing verfolgen?
Teuber: Unternehmen verfolgen mit Wellbeing heute vor allem das Ziel, nachhaltig leistungsfähige und resiliente Teams aufzubauen. Der Fachkräftemangel und die Veränderungen in der Arbeitswelt durch KI stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen. Umso wichtiger wird es, qualifizierte Mitarbeitende zu gewinnen, sie langfristig zu binden und gesund zu halten. Gerade Leistungsfähigkeit entsteht nicht durch höheren Druck, sondern durch Rahmenbedingungen, die Gesundheit und Motivation fördern. Dass dieses Umdenken bereits stattfindet, zeigt sich auch daran, dass 88 Prozent der Unternehmen ihre Top-Talente zu halten als Priorität sehen und 85 Prozent Wellbeing-Programme als wichtigen Baustein dafür bewerten.
HRP: Welche konkreten Maßnahmen gibt es für mentale und körperliche Gesundheit im Job und wie sollten sie bestmöglich eingesetzt werden?
Teuber: Einzelne Maßnahmen reichen oft nicht aus. Erfolgreiche Wellbeing-Strategien verfolgen vielmehr einen ganzheitlichen Ansatz und berücksichtigen sowohl die körperliche als auch die mentale Gesundheit. Dazu gehören beispielsweise Bewegungsangebote, der Zugang zu psychologischer Unterstützung oder Achtsamkeitsangeboten, Ernährungsberatung sowie Maßnahmen, die gesunden Schlaf und Regeneration fördern.
Noch wichtiger als die Anzahl der Angebote ist, dass Mitarbeitende unkompliziert auf die Unterstützung zugreifen können, die sie wirklich benötigen. Denn Wellbeing ist so individuell wie die Menschen selbst. Die Angebote müssen also zu den unterschiedlichen Bedürfnissen der Mitarbeitenden passen. Nur wenn sie flexibel und alltagstauglich sind, werden sie genutzt und entfalten ihre Wirkung.
HRP: In welcher Form kommen bei diesem Thema bereits KI-Tools zum Einsatz?
Teuber: Das größte Potenzial von KI im Bereich Wellbeing liegt darin, Unterstützung individueller und einfacher zugänglich zu machen. Sie kann Mitarbeitenden dabei helfen, persönliche Ziele zu definieren, passende Angebote für Bewegung, mentale Gesundheit, Ernährung oder Schlaf zu finden und gesunde Routinen nachhaltig in den Alltag zu integrieren. So erhalten Mitarbeitende genau die Unterstützung, die zu ihrer jeweiligen Lebenssituation und ihren Bedürfnissen passt, anstatt auf standardisierte Angebote angewiesen zu sein.
Gerade bei sensiblen Themen wie der mentalen Gesundheit stößt Technologie jedoch an ihre Grenzen. Empathie, Vertrauen und professionelle Begleitung lassen sich nicht automatisieren. KI kann hier unterstützen, Orientierung bieten und den Zugang zu passenden Angeboten erleichtern. Den persönlichen Austausch mit qualifizierten Fachkräften kann sie jedoch nicht ersetzen. Deshalb sollte KI im Wellbeing immer als Ergänzung verstanden werden, nicht als Ersatz für den Menschen.
HRP: Wie passen Forderungen nach einem Attest am ersten Krankheitstag mit dem Ruf nach Wellbeing zusammen?
Teuber: Beides muss sich nicht grundsätzlich widersprechen, denn Unternehmen haben die Aufgabe, sowohl die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden als auch betriebliche Abläufe im Blick zu behalten. Entscheidend ist aus unserer Sicht jedoch, dass Wellbeing nicht über einzelne Maßnahmen definiert wird. Eine gesunde Unternehmenskultur entsteht durch Vertrauen, Prävention und den offenen Dialog mit den Mitarbeitenden. Maßnahmen wie eine Attestpflicht sollten deshalb immer im Gesamtkontext der Unternehmenskultur betrachtet werden und kein Ersatz für eine langfristige Wellbeing-Strategie sein.
HRP: Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Ferdinand Teuber, VP und Head of Germany Enterprise Business bei Wellhub


