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Der neue Maßnahmenkatalog für soziale Verantwortung

Der CEO hat die Aristoteles-Studie von Google gelesen, allen als obligatorische Vorbereitung zugesandt und dort festgehalten, dass man heute Pflöcke einschlagen möchte, um die dort erwähnte „psychologische Sicherheit“ zu installieren. Als Gralshüter des motivierenden Teamklimas möchte man fortan gelten. Hannes managt, ist eine Geschichten-Serie mit feinsinniger Satire aus den und über die Management-Etagen.

3 Min. Lesezeit
Ein Mann und zwei Frauen haben ein Meeting im Freien vor einer Bergkulisse
Foto: ©AdobeStock/Uday

Hannes managt, ist eine Geschichten-Serie mit feinsinniger Satire aus den und über die Management-Etagen.

In Hannes‘ Unternehmen wird reflektiert. Man geht für eine Klausur außerhalb des unmittelbaren Umfeldes in ein feines Hotel. Das schafft Distanz zum Alltag und Nähe zu den Kollegen.

Klausur mit Aussicht auf Erkenntnis

Hannes schätzt das außerordentlich. Man pflegt Kontakte innerhalb des Gremiums. Man reflektiert, schätzt ein und plant die Zukunft. Zumindest hält man das fest. Oft ist der Glaube am Schluss dieser Zusammenkunft hoch, ab morgen die Welt zu verändern. Aber dann beginnt der Zersetzungsprozess der vermeintlich genialen Ideen bereits auf der Heimfahrt und lässt die Euphorie subtil erodieren.

Heute, am zweiten Tag dieses orchestrierten Denkens und Planens, schweifen die Gedanken gemäß dem Tagesprogramm in die Sphären der sozialen Verantwortungen als Vorgesetzte. Jeder Führungsverantwortliche soll dafür sorgen, dass innerhalb seines Bereiches ein wertschätzendes Klima herrscht.

Nicht, dass diese Aussage Zeuge einer neuen Errungenschaft ist. Aber der CEO hat die Aristoteles-Studie von Google gelesen, allen als obligatorische Vorbereitung zugesandt und dort festgehalten, dass man heute Pflöcke einschlagen möchte, um die dort erwähnte „psychologische Sicherheit“ zu installieren. Als Gralshüter des motivierenden Teamklimas möchte man fortan gelten.

 

Grafik zum Hannes-Beitrag aus HR Performance 4/2025

Revolutionäre Ideen und Wertschätzung im Konjunktiv

In Gruppenarbeiten im Freien unter den Bäumen lässt sich gut philosophieren. „Also wenn wir Bäume hätten, wäre das alles kein Problem“, beginnt der Erste das Spiel der Gedanken. Man spürt, so richtig ernst nimmt’s noch niemand. Also sind erst einmal die Sprücheklopfer gefragt, die zumindest für eine gute Stimmung in dieser Gruppenphase sorgen. Jeder Lacher löst weitere Stichworte aus.

Plötzlich ermahnt der interne Time-Manager, dass man vielleicht doch noch Ideen aufs Flipchart schreiben soll.

Wird sonst peinlich, schließlich ist der Chef ja da und glücklicherweise in keiner der Gruppen. „Ich möchte euch nicht beeinflussen beim Gedankenprozess“, war seine Aussage.

Will heißen: „Ich möchte jetzt lieber E-Mails beantworten“ – man darf Denken ja auch delegieren. So kommen schlussendlich dann doch noch ein paar revolutionäre Ideen zusammen, die sich vielleicht nicht alle umsetzen lassen, die jetzt auch nicht gerade die Wertschätzung gefühlt durch die Decke schießen lassen, die sich aber zumindest nach außen gut zeigen lassen. Ein paar Posts auf der Unternehmensseite von LinkedIn wären dann zumindest ein Imagegewinn. Schließlich zählen Likes von Fremden mindestens so viel wie Kritik von Kollegen und Mitarbeitenden.

Der neue Maßnahmenkatalog: Zwischen Hund, Postbote und Patriarchat

So liest sich der Maßnahmenkatalog dann doch ganz so, dass es die Laune des Chefs derart erquicken lässt, dass er die Retraite mit den Worten: „Ich möchte nicht künstlich verlängern und wir haben auch alle sonst genug zu tun“, etwas frühzeitiger als geplant und dankend einem geordneten Ende zuführt.

Hannes, als solider Protokollführer, konstatiert stichwortartig einen gehaltvollen Maßnahmenkatalog:

  • Projekt „Vereinbarkeit von Beruf und Hunden“ wird gestartet. Mit dabei sind Hundebesitzer, eine externe Tierärztin, ein Hundehaare-Allergiker und eine externe Teamberatung für Live-Coaching.
  • Eine Video-Reportage über den internen Postboten soll zeigen, dass auch versteckte Arbeiten geschätzt werden. Gezielt werden auch schon Kommentare vorbereitet: „Mein Blick auf den Postboten hat sich für immer verändert“.
  • Pro Team wird ein Glücksbotschafter im Nebenamt nominiert. Das ist kein neuer Job, aber nicht ganz so fancy klingende PC-Jobs wie „System-Manager“ sollen Schritt für Schritt in solche neue Traumberufsbezeichnungen transformiert werden.
  • Ein Online-Kurs „Patriarchat abschaffen für Anfänger“ wird im Intranet verlinkt mit einer persönlichen Empfehlung des alternden Boris Becker, dessen Testimonials heute auch für Budgets, die einem finanziellen Gnadenbrot erwachsen sind, bezahlbar sind.

Hannes schießt am Schluss noch durch den Kopf: Wie wäre es eigentlich, wenn das Erzeugen von Kindern im Sinne einer gesellschaftlichen Verantwortung als Überzeit gutgeschrieben werden könnte? Man könnte ja mal nachfragen…

Autor: Stefan Häseli, Keynote-Speaker, Kommunikationstrainer und Kabarettist, E-Mail: stefan.haeseli@stefanhaeseli.ch, stefan-haeseli.com

(erschienen in HR Performance 4/2025)

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