Schnelligkeit im Langsamsein: Entschleunigung als Erfolgsfaktor
„Schnelligkeit im Langsamsein“ ist kein Widerspruch, sondern eine Haltung, die im modernen Arbeitsalltag zunehmend an Bedeutung gewinnt. Wer sich erlaubt, bewusst zu handeln, statt sich von Tempo und Reizüberflutung treiben zu lassen, arbeitet nicht weniger, sondern bedachter.

Tempo gewinnen durch Entschleunigung? Das klingt paradox. Vor allem in unserer Welt, die scheinbar unaufhaltsam schneller, komplexer und vielfältiger wird, jeden Tag. Doch in dem Gedanken liegt ein Schlüssel für nachhaltiges Zeitmanagement, für beruflichen Erfolg und persönliche Zufriedenheit.
Eine „Schnelligkeit im Langsamsein“ bedeutet nicht Trödelei, Stillstand oder Passivität, sondern bewusstes Handeln. Fokussiert, klar und mit Weitblick. Es ist ein Gegenentwurf zum hektischen Aktionismus, mit Innehalten, mit dem genauen Hinschauen und dadurch mit der Chance, langfristig Zeit und Ressourcen zu sparen. Wenn Sie es sich erlauben, langsamer und überlegter zu agieren, können Sie sich vielfach einen entscheidenden Vorsprung verschaffen: Ihre Entscheidungen werden fundierter, die Prioritäten klarer, und am Ende sparen Sie Zeit, Energie und Nerven. Langsamkeit ist hier kein Bremsklotz, sondern ein Verstärker für Qualität und Effektivität.
Gerade im Berufsalltag zeigt sich, dass nicht die ständige Aktivität über Erfolg und Gelassenheit entscheidet, sondern die bewusste Steuerung von Energie und Aufmerksamkeit.
Wie sich eine Effizienz der Langsamkeit praktisch umsetzen lässt, zeigen Ihnen 5 konkrete Ansätze.
Langsam starten – klar fokussieren
Beginnen Sie den Arbeitstag nicht sofort mit E-Mails, Chat-Nachrichten oder spontanen Meetings. Planen Sie stattdessen die ersten 30 Minuten für einen klaren Tagesüberblick und eine Prioritätenliste ein.
Wenn Sie den Tag bewusst strukturiert beginnen, anstatt sich direkt in eine vielfach fremdbestimmte Dynamik hineinziehen zu lassen, handeln Sie nicht reaktiv, sondern proaktiv. Sie kreieren einen klaren Fokus, der den gesamten Tagesablauf effizienter machen kann.
Weniger tun – mehr erreichen
Auch wenn es sich im Arbeitsalltag nicht immer einrichten lässt, versuchen Sie, sich auf maximal 3 Hauptaufgaben pro Tag zu beschränken, und streichen Sie konsequent Aufgaben, die nicht in Ihre Kernverantwortung fallen.
Der Versuch, mehrere Aufgaben gleichzeitig oder in einer schnellen Abfolge auszuführen, um Zeit zu sparen, klingt auf den ersten Blick produktiv. Doch solches Multitasking führt häufig zu Fehlern und Energieverlust. Wenn Sie das Wesentliche im Blick behalten, ist es am Ende nicht nur möglich, schneller zu arbeiten, sondern auch nachhaltiger. Und Sie erzielen bessere Ergebnisse.
Bewusst Pausen einbauen
Planen Sie feste Mini-Auszeiten für ca. 5 bis 10 Minuten, in einem Rhythmus von 60 bis 90 Minuten. Den genauen Rhythmus gilt es individuell zu finden. Probieren Sie sich aus. Diese Denkpausen sind nicht nur wichtig, um die Konzentration aufrechtzuerhalten, sondern sie beugen auch Müdigkeit vor, helfen Ihnen, Informationen besser verarbeiten zu können und steigern am Ende Ihre Produktivität. Nutzen Sie diese kurzen Brain Breaks, um durchzuatmen, sich zu bewegen oder auch nur gedanklich einen kurzen Abstand zu nehmen.
Kurze Unterbrechungen sind kein Luxus, sondern notwendige Regenerationsphasen für Ihr Gehirn, um kreativ, lösungsorientiert und konzentriert zu bleiben. Sie können Ihr Stresslevel reduzieren und damit auch Ihr Wohlbefinden am Arbeitsplatz verbessern.
Zeit für durchdachte Entscheidungen
Im Arbeitsalltag stehen wir oft unter Zeitdruck – Termine drängen, viele Projekte müssen parallel gesteuert und Aufgabenpakete abgearbeitet werden. In diesem Kontext passiert es schnell, dass Entscheidungen zu früh getroffen werden: auf Basis unvollständiger Informationen oder ohne die Einschätzung von Kolleginnen und Kollegen, Fachabteilungen oder Kundinnen und Kunden. So entstehen vielfach übereilte Beschlüsse, die zwar Handlungsfähigkeit signalisieren und kurzfristig Zeit sparen, die jedoch häufig zu ineffizienten, teuren und unkoordinierten Ergebnissen führen, was langfristig Anpassungen, Korrekturen und Mehraufwand verursacht.
Besser ist es deshalb, sich bewusst die Zeit für durchdachte Entscheidungen zu nehmen. Mit einer sorgfältigen Analyse der Situation, einer offenen Kommunikation und der Einbindung des richtigen Personenkreises sind nachhaltige Lösungen realisierbar. Das fördert nicht nur die Qualität der Arbeit, sondern stärkt auch das Vertrauen in den gesamten Entscheidungsprozess – und begünstigt damit langfristigen Erfolg.
Nachbearbeitung vor der nächsten Aufgabe
Planen Sie nach größeren Aufgaben oder Meetings bewusst 10 bis 15 Minuten ein, um das Ergebnis zu reflektieren, wichtige Punkte festzuhalten und die nächsten Schritte vorzubereiten. Wenn nach einem Kundengespräch sofort das nächste Meeting ansteht oder nach einer Projektabgabe direkt neue Aufgaben warten, bleibt oft keine Zeit, das Erledigte richtig abzuschließen. Wichtige Informationen gehen verloren oder geraten in Vergessenheit. To-dos bleiben unklar, und beim nächsten Mal müssen Sie dieselben Themen erneut besprechen oder Korrekturen vornehmen.
Wer direkt zur nächsten Aufgabe übergeht, verpasst oft wertvolle Erkenntnisse und wiederholt unnötig Fehler. Eine Nachbereitung schafft Klarheit, sichert die Qualität Ihrer Arbeit und spart Zeit, weil weniger nachgebessert werden muss. Gleichzeitig entsteht das gute Gefühl, Aufgaben wirklich abgeschlossen zu haben.
Fazit
„Schnelligkeit im Langsamsein“ ist kein Widerspruch, sondern eine Haltung, die im modernen Arbeitsalltag zunehmend an Bedeutung gewinnt. Wer sich erlaubt, bewusst zu handeln, statt sich von Tempo und Reizüberflutung treiben zu lassen, arbeitet nicht weniger, sondern bedachter. Gezielte Entschleunigung bedeutet: Prioritäten klar setzen, Energie sinnvoll steuern und Entscheidungen mit Weitblick treffen. So entsteht nicht nur eine höhere Arbeitsqualität, sondern auch mehr Gelassenheit und Zufriedenheit im Berufsleben. Langsamkeit muss damit kein Verlust an Geschwindigkeit sein, sondern kann eine Investition in nachhaltige Effektivität bedeuten – für sich selbst, das Team und den langfristigen Erfolg des Unternehmens.

Prof. Dr. Norbert Rohleder ist Professor für Human Resource Management und Soziale Interaktion an der Hochschule Mainz im Fachbereich Wirtschaft.



