Schlaues Schwärmen: Was Organisationen aus der Schwarmforschung lernen können
Für HR ist das mehr als eine Randnotiz: Wer Schwarmintelligenz nutzen will, muss die Voraussetzungen dafür schaffen. Wie diese aussehen, was die Grenzen sind und was das eigentlich alles mit Personalführung zu tun hat, weiß unser Autor Martin Kruse.

Mit Schwarmintelligenz verbindet sich ein großes Versprechen: Wenn viele Menschen zusammenkommen, entsteht mehr, als die Summe der Teile vermuten lässt. Die Natur ist voll von solchen Phänomenen. Vögel, die sich in millisekundengenauer Choreografie durch die Luft bewegen. Hunderttausende Fische, die blitzschnell die Richtung wechseln, als wären sie ein einziger Körper. Bienen, die als Kollektiv einen Standort suchen. Sie alle zeigen: Kooperation ohne zentrale Steuerung kann erstaunlich wirksam sein. Doch was bedeutet das für Organisationen, die man auch als menschengemachte Schwärme verstehen könnte?
Schwärme zu bilden, ist eine Erfolgsstrategie, die sowohl evolutionär, als auch extrem gegenwärtig ist. Das Konzertpublikum, das gemeinsam tanzt, ist z.B. ein Schwarm auf Zeit. Menschen kommen zusammen, ohne dass sie jemand dirigiert. Ein gemeinsamer Rhythmus reicht, um Bewegung und Verbundenheit zu erzeugen. In Sportstadien, auf Messen oder bei religiösen Großveranstaltungen passiert nichts anderes.
Von den Tieren Verhaltensweisen abschauen
Dabei hat das gezeigte Verhalten Parallelen zur Biologie: Tiere bilden Schwärme, um zu jagen, sich zu schützen oder Energie zu sparen. Und wir könnten lernen, wie kluge Entscheidungen dezentral entstehen – wenn wir die zugrundeliegenden Prinzipien ernst nehmen und sie in die Arbeitswelt übersetzen.
Ein Bienenvolk, das schwärmt, befragt nicht die Königin wie eine entscheidende CEO-Biene, wo es hingehen soll. Stattdessen fliegen hunderte Scouts aus, prüfen mögliche Höhlen und kehren zurück, um mit ihrem Tanz für die beste Option zu werben. Je überzeugter sie von der Immobilie sind, desto leidenschaftlicher fällt ihre Performance aus. Bald schließen sich andere an, bis eine kritische Masse erreicht ist. Dann zieht das Volk geschlossen um.
Der Biologe Thomas Seeley hat gezeigt, wie robust dieses Verfahren ist: fast immer landet das Volk am objektiv besten Standort. Auch im Fischschwarm zeigt sich Intelligenz ohne Zentrale. Jeder Fisch reagiert auf seine unmittelbaren Nachbarn; weicht aus, schließt Lücken, folgt Bewegungen – bis sich für bisweilen Millionen von Fischen eine gemeinsame Richtung ergibt.
Für Organisationen bedeutet das: Führung garantiert den Prozess, aber die Expertise verteilt sich. Entscheidungen werden dadurch nicht schwächer, sondern belastbarer und oft überraschend innovativ.
Drei Bedingungen notwendig
Jens Krause, Verhaltensforscher an der Humboldt-Universität in Berlin, definiert Schwarmintelligenz als das Kombinieren unabhängig gewonnener Informationen, sodass ein Problem gelöst wird, das Einzelne nicht bewältigen könnten. Damit das funktioniert, braucht es drei Bedingungen: freien Zugang zu Informationen, Unabhängigkeit der Einschätzungen und soziale Interaktion.
Bemerkenswert ist, wie leicht Schwarmbewegungen ausgelöst werden können. Schon fünf Prozent Aktive in einem Schwarm genügen, um die Richtung des Ganzen zu bestimmen. Übertragen auf Unternehmen ließe sich ableiten: Kleine Pioniergruppen können große Tanker in Bewegung setzen – wenn Kommunikation nicht durch Hierarchie, Konformitätsdruck oder Silo-Denken blockiert wird. Anders gewendet: bloß zu wiederholen, was Höhergestellte sagen, wäre eher Schwarmdummheit.
Schwarmintelligenz bei „Wer wird Millionär?“
Dass Schwarmintelligenz funktioniert, zeigen zahlreiche Experimente. Bei „Wer wird Millionär?“ liegt das befragte Studiopublikum zu 91% richtig, der Telefonjoker nur zu 65%. Solche Mechanismen sind tatsächlich schon länger bekannt. 1906 schätzten knapp 800 Marktbesucher in England das Gewicht eines Ochsen im Durchschnitt auf 1197 Pfund. Er wog dann 1198 Pfund. LEGO nutzt Schwarmideen für neue Sets: Kund:innen reichen Vorschläge ein, die besten werden produziert. Ergebnis: erfolgreiche Produkte und eine engere Bindung zur Community.
Der Sport ist voll von Versuchen, Qualität durch Schwarmverhalten zu erzeugen. Kein Trainer, kein Kapitän allein erzeugt das Momentum, das beispielsweise ein Tor ermöglicht. Erst das Zusammenspiel vieler individueller Entscheidungen formt einen eigenen Organismus – eine Mannschaft, die „mehr als die Summe ihrer Teile“ ist. Übertragen auf Organisationen: Entscheidend ist nicht die Position im Organigramm, sondern wie Kompetenzen ineinandergreifen und zu einer kollektiven Anstrengung verschmelzen.
Grenzen und zu viel Kommunikation bremsen
Doch Schwarmintelligenz hat ihre Grenzen. Sie funktioniert nicht überall, schon gar nicht bei hochregulierten Prozessen wie Compliance oder Sicherheit. Und sie scheitert bei Problemen, die unsere Intuition nicht erfasst – etwa exponentielles Wachstum. Bei linearen Schätzaufgaben liegen Schwärme oft erstaunlich nah an der Realität. Bei Verdopplungsreihen irren wir uns dagegen um Tausende Prozent. Pandemie und Klimawandel haben gezeigt, wie wenig wir exponentielle Dynamiken begreifen.
Hinzu kommt: Zu viel Kommunikation kann die kollektive Intelligenz senken. Palaver und Endlosdiskussionen helfen nicht. Firmen-Intranets oder soziale Medien können schnell Bias, Falschinformationen und Hierarchieeffekte verstärken und damit das Gegenteil ihres Zwecks befördern. Denn: Schwärme können in die Irre laufen – oder sogar gegen sich selbst arbeiten, wenn ihre Grundbedingungen nicht gegeben sind.
Richtige Voraussetzungen nötig
Für HR ist das mehr als eine Randnotiz. Wer Schwarmintelligenz nutzen will, muss die Voraussetzungen dafür schaffen: Informationen müssen frei zugänglich sein, unabhängig von Abteilung oder Rang. Mitarbeitende brauchen die Möglichkeit, zunächst unabhängig zu urteilen, bevor Austausch stattfindet. Eine echte Vielfalt der Perspektiven muss erwünscht sein, abweichende Stimmen geschützt und Feedback ernst genommen werden. Erst dann kann sich die kollektive Weisheit entfalten.
Eine schwarmintelligente Organisation lernt von Bienen, dass Expertise dort genutzt wird, wo sie entsteht. Sie lernt von Fischen, dass kleine Minderheiten Wandel anstoßen können. Sie lernt von Sportteams, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Und sie lernt schließlich, dass es nicht um blinden Konsens geht, sondern um die Fähigkeit, aus vielen Perspektiven eine robuste Entscheidung zu formen.
In Zeiten von Algorithmen, Fake News und Aufmerksamkeits-Ökonomie ist das sehr viel mehr als ein Naturphänomen. Es ist eine Führungsaufgabe – vielleicht sogar eine organisationale Überlebensfrage. Denn wenn wir die Lerngeschenke der Biologie klug nutzen, entsteht etwas, das weder ein CEO noch ein Gremium allein leisten könnten: eine Organisation, die wirklich schlau schwärmt.

Autor Martin Kruse ist Coach und Partner bei Leadership Choices, einer international tätigen Leadership- und Organisationsberatung mit Sitz in Wiesbaden, die sich auf die Entwicklung von Führungskräften auf Top-Management-Ebene konzentriert. Der Autor arbeitet mit Top-Managern und ihren Teams, um die Effizienz und Widerstandsfähigkeit von Führung zu verbessern, ist außerdem Hochschul-Dozent für Leadership und Redenschreiber für Politik und Wirtschaft.



