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Mehrstunden lösen keine strukturellen Probleme

Unser Autor Guido Zander, einer der Top 40 HR-Köpfe und Geschäftsführender Partner der SSZ Beratung, zeigt in seinem neuesten Artikel auf, warum die Schweiz nicht wegen längerer Arbeitszeiten vorne liegt, sondern aufgrund deutlich überzeugenderer Rahmenbedingungen. Produktivität entsteht dort, wo Strukturen tragen und motivieren – zusätzliche Stunden lösen ohne Reformen keine Probleme.

3 Min. Lesezeit
Laptop vollgeklebt mit Post-its
Foto: ©AdobeStock/New Africa

Vor Kurzem war es Markus Söder und kurz danach Friedrich Merz, die sich in die anhaltenden Forderungen nach Mehrarbeit eingereiht hat und pauschal die Erhöhung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde ins Spiel gebracht haben. Als Vorbild nannten beide dafür die Schweiz. Und in der Tat lag die durchschnittliche Wochenarbeitszeit im Jahr 2023 dort bei 42,55 Stunden, während es in Deutschland 40,40 Stunden waren. Inklusive der sehr hohen Teilzeitquote lag die durchschnittliche Wochenarbeitszeit allerdings nur geringfügig über der der Deutschen bei 35,5 Stunden.

Sind die Schweizer also leistungsbereiter als die Deutschen? Diese Frage lässt sich nicht allein aus der Betrachtung der Bruttoarbeitszeit beantworten, sondern muss in einem größeren Gesamtkontext gesehen werden.

Betrachtung der Netto- statt Bruttoarbeitszeit notwendig

Entscheidend für eine Einordnung ist nicht die Bruttoarbeitszeit, sondern die nach Abzug von Urlaub, Krankheit und Feiertagen übrig bleibende Nettoarbeitszeit, in der tatsächlich gearbeitet werden kann bzw. könnte.

Tabelle 1: Ländervergleich Deutschland – Schweiz Arbeitszeit, Abwesenheiten im Jahr 2023

Wochenarbeitszeit Vollzeit

Krankenquote

Urlaubsanspruch

Feiertage

Nettojahresarbeitszeit

Deutschland

40,40

6,80

30

10

1.665

Schweiz

42,55

3,80

25

10

1.850

Tabelle 1 zeigt, dass Deutschland in Bezug auf die Nettoarbeitszeit noch schlechter abschneidet als beim Vergleich der Bruttoarbeitszeit. Dies liegt daran, dass Deutsche im Schnitt fünf Tage mehr Urlaub haben und fast doppelt so häufig krank sind (Quelle: OECD). Die Feiertage sind etwas schwammig, da in der Schweiz je nach Kanton zwischen 7 und 15 Feiertage anfallen. Daher habe ich den gleichen Wert von zehn Tagen wie in Deutschland herangezogen. Insgesamt arbeiten die Schweizer 185 Nettostunden pro Jahr mehr, was 3,56 Stunden pro Woche entspricht. So gesehen leisten die Schweizer tatsächlich relevant mehr Arbeitszeit als die Deutschen.

Betrachtung von Produktivität und Lohnhöhe ist entscheidend

Die Betrachtung der Arbeitszeit allein ist allerdings immer noch nicht aussagekräftig. Entscheidend ist, was in dieser Arbeitszeit tatsächlich an Ergebnissen produziert wird. Um dies zu veranschaulichen, greife ich auf eine Berechnung aus meinem Buch „Die faulen Deutschen? (Schein-)Debatten und Lösungen für eine zukunftsorientierte Arbeitswelt“ (Haufe Verlag) zurück.

Hierfür vergleiche ich im ersten Schritt das jeweilige durchschnittliche Bruttoeinkommen beider Länder. Im Jahr 2023 lag dies in der Schweiz bei CHF 81.600, was bei einem in 2023 gültigen durchschnittlichen Wechselkurs von $1,1136 einem Jahresgehalt von $71.831 entspricht. Damit lag dieses gut $6.000 über dem deutschen Einkommen.

Gleichzeitig befand sich das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Arbeitsstunde mit $82,61 deutlich über dem deutschen Wert von $68,10. Multipliziert man diesen Wert jeweils mit der jährlichen Nettoarbeitszeit einer Vollzeitkraft, erwirtschaftet eine Schweizer Vollzeitkraft pro Jahr ein BIP von $152.829 gegenüber $113.387 einer Vollzeitkraft in Deutschland. Setzt man diese Zahl wiederum ins Verhältnis zum Lohn, erwirtschaften die Schweizer je eingesetztem Lohndollar $2,13, die Deutschen $1,73. Tatsächlich liegt Deutschland damit bei jeder einzelnen Kennzahl hinter der Schweiz.

Was brächte nun eine Stunde mehr Arbeit pro Woche?

Die spannende Frage ist nun, ob das den Rückschluss zulässt, dass die Deutschen weniger leistungsbereit sind, und ob das Problem damit behoben ist, dass wir alle eine Stunde mehr arbeiten.

Konkret würde das bedeuten, dass die Deutschen brutto 52 Stunden pro Jahr mehr arbeiten würden, was einer Zunahme der Nettoarbeitszeit um 2,46 Prozent bedeuten würde. Nehmen wir zusätzlich an, wir würden zwei Feiertage reduzieren und den Urlaub auf fünf Wochen kürzen. In diesem Fall würden in Deutschland je eingesetztem Lohndollar $1,82 erwirtschaftet. Dies aber nur unter der Voraussetzung, dass die zusätzlich geleisteten Stunden kostenfrei erbracht würden.

Würde man den Lohn ebenfalls um 2,46 Prozent erhöhen, läge die Produktivität wieder nur noch bei $1,78 je Lohndollar. Der Vollständigkeit halber sei nur erwähnt, dass eine Stunde Mehrarbeit mit einhergehender Lohnerhöhung ohne Senkung der Feiertage und des Urlaubsanspruchs überhaupt keinen positiven Effekt hätte und sich in Bezug auf die Produktivität neutralisieren würde. Geht man dann noch davon aus, dass eine zusätzliche Stunde aufgrund volatiler Rahmenbedingungen dazu führen würde, dass in bedarfsschwachen Zeiten zwar die zusätzliche Stunde bezahlt, aber nicht produktiv genutzt wird, könnte die Produktivität dadurch sogar sinken. Der positive Effekt von einer Stunde Mehrarbeit wäre also eher überschaubar.

Abgesehen davon gibt es bei der Umsetzung viele offene Fragen, die von keinem der Befürworter von Arbeitszeitverlängerung auch nur ansatzweise beantwortet wurden:

  • Wer genau soll eine Stunde mehr arbeiten? Die mit 40 Stunden arbeiten 41, die mit 35 Stunden nun 36 und Teilzeitbeschäftigte ebenfalls eine Stunde mehr? Oder sollen alle unter 40 Stunden mehr als eine Stunde mehr arbeiten und ab 40 Stunden bleibt alles gleich?
  • Wie soll das funktionieren, wenn viele der Wochenarbeitszeiten per Tarifvertrag festgelegt sind? Sollen die Tarifverträge per Gesetz ausgehebelt werden?

Lesen Sie den vollständigen Beitrag aus der HR Performance 1/2026.

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