Bei Ärzte ohne Grenzen ist man niemals ‚nur‘ Personaler:in : Interview mit Susanne Hauke, HR-Managerin bei Ärzte ohne Grenzen e.V.
Wir haben mit Susanne Hauke von Ärzte ohne Grenzen e.V. über die Rolle der HR-/Payroll-Arbeit und die Suche nach Mitarbeitenden für weltweite Projekte gesprochen.

HRP: Was charakterisiert die Arbeit bei Médecins Sans Frontières – Ärzte ohne Grenzen e.V. maßgeblich?
Susanne Hauke: Die Arbeit bei Ärzte ohne Grenzen zeichnet sich dadurch aus, dass jedes Projekt anders ist und somit andere Arbeitsvoraussetzungen hat. Die Projekte unterscheiden sich z. B. dadurch, ob sie reguläre – also langfristig angelegte – oder Notfallprojekte sind. So gibt es riesige Krankenhausprojekte mit mehreren Dependancen und über 600 lokalen Angestellten oder auch mobile Kliniken im ländlichen Raum mit wenig Möglichkeiten, schwere medizinische Notfälle weiterzuleiten. Sie unterscheiden sich auch stark in ihren Kontexten: Arbeitet man in einem Epidemiegebiet, in einem Kontext bewaffneter Konflikte oder am Ort einer Naturkatastrophe? Auch der kulturelle Hintergrund der Projektländer unterscheidet sich oft sehr, was eine respektvolle, kultursensible Zusammenarbeit unerlässlich macht. Als HR-Managerin finde ich also in jedem Projekt andere Arbeitsbedingungen vor, denen ich mich anpassen muss, was allerdings auch die Attraktivität dieser Tätigkeit ausmacht. Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Improvisationstalent sind Charaktereigenschaften, die bei dieser Tätigkeit unerlässlich sind. Jeder Tag ist anders und bringt neue Herausforderungen mit sich.
HRP: Welche Rolle spielen Personaler:innen und Entgeltabrechner:innen bei Ihnen?
Hauke: Die medizinische Versorgung der Bevölkerung steht bei Ärzte ohne Grenzen immer im Vordergrund, aber ohne den “Backoffice”-Bereich, also ohne die Personal-, Finanz- oder Logistikabteilung, kann kein medizinisches Team arbeiten. Das Personalteam sorgt insbesondere dafür, dass genügend Mitarbeiter:innen zur Verfügung stehen, regelt Verträge sowie Gehaltszahlungen. Die Administration ist aber auch eine Schnittstelle zwischen den lokalen Mitarbeiter:innen und Ärzte ohne Grenzen als Arbeitgeber. Sie stellt sicher, dass Arbeitnehmerrechte geschützt werden, aber auch, dass die Mitarbeiter:innen ihren Pflichten nachkommen und spielt somit eine vermittelnde Rolle. Bei Ärzte ohne Grenzen ist man niemals ‚nur‘ Personaler:in, sondern sehr häufig für alle Belange der internen Verwaltung zuständig: z. B. das Management der Wohnbereiche für die internationalen Mitarbeiter:innen, die Mietverträge, die Liquidität des Projekts, die Organisation von Betriebsratswahlen und das Onboarding der neuen Betriebsräte, die Kontakte mit der lokalen Verwaltung für Visa und Arbeitserlaubnisse etc. – die Aufgaben sind sehr vielfältig und man ist am besten darauf vorbereitet, wenn man Erfahrungen aus verschiedenen Bereichen mitbringt.
HRP: Wo suchen Sie derzeit Mitarbeitende aus dem HR- und Payroll-Bereich?
Hauke: Ärzte ohne Grenzen rekrutiert internationale Mitarbeiter:innen für Stellen weltweit. Aktuell arbeiten wir in über 70 Ländern. Man wird zunächst für einen Pool potenzieller Mitarbeiter:innen rekrutiert. Bei der Auswahl wird großer Wert auf eine faire und transparente Entscheidungsfindung gelegt. Jeder Pool wird von Career Manager:innen betreut, die dann dafür zuständig sind, ein geeignetes Projekt für
einen ersten Einsatz zu finden. Bei der Auswahl des Projekts werden viele verschiedene Faktoren berücksichtigt. Dazu gehören z.B. Sprachkenntnisse, die beruflichen und persönlichen Vorerfahrungen und auch – soweit möglich – die persönlichen Präferenzen.
HRP: Was macht die HR-/Payroll-Arbeit bei Ärzte ohne Grenzen e.V. besonders und was unterscheidet sie vielleicht von der gleichen Tätigkeit in einer Behörde oder einem Unternehmen?
Hauke: Jedes Projekt ist anders und jeder Tag hält Neues und oft Überraschendes bereit. Ich denke, so viel Abwechslung findet man nicht überall. Es gibt zwar global gültige Regeln und Vorschriften, wie Personal- und Gehaltsmaßnahmen zu handhaben sind, allerdings geben länderspezifische Arbeitsgesetze oder -regelungen andere Rahmenbedingungen vor, die dann mit unseren internen Regularien in Einklang gebracht werden müssen. Was die Zahlungen betrifft: In einigen Regionen gibt es kein funktionierendes Bankensystem und Gehälter werden per Handyüberweisungen gemacht oder in bar ausgezahlt, in anderen wird wegen der prekären Sicherheitslage überhaupt kein Bargeld im Projekt benutzt. Gerade in akuten Notfallprojekten wird man mit vielen unvorhersehbaren Situationen konfrontiert, für die Lösungen gefunden werden müssen. Ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit ist erforderlich, um die beste Lösung oder manchmal den besten Kompromiss für das Projekt und alle Beteiligten zu finden.
HRP: Wo sind Sie als Ärzte ohne Grenzen e.V. momentan auf der Welt tätig?
Hauke: Ärzte ohne Grenzen ist in mehr als 70 Ländern aktiv, von A wie Afghanistan bis Z wie Zentralafrikanische Republik. Die meisten Projekte haben wir auf dem afrikanischen Kontinent, wir sind aber auch aktiv im Nahen Osten, in Asien oder Südamerika, und überall dort, wo medizinische Hilfe am dringendsten gebraucht wird.
HRP: Vielen Dank für das sehr interessante Interview.



