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Was früher richtig war, kann heute ein Fehler sein

Es wird Zeit, dass Europa die eigenen Kapazitäten ausbaut, seine Ressourcen stärker nutzt und selbst Software in die ganze Welt exportiert, wie einst beim Thema Datenschutz. Der europäische Markt ist riesig und selbst die Asiaten freuen sich über Alternativen zu US-Softwarelösungen. Warum nutzen wir Palantir, statt eine eigene Lösung zu entwickeln?

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Abhängigkeiten, zwei Männer stehen auf Leitern und malen einen Fisch
Foto: ©AdobeStock/olly

Als vor fast genau 4 Jahren russische Soldaten in die Ukraine einmarschierten, wurde uns bewusst, in welche Abhängigkeit Deutschland geraten war. Billiges Gas und Öl aus Russland schmierten im wahrsten Sinne des Wortes die Deutsche Wirtschaft. Was gestern noch gut war, erwies sich jetzt als Fehler. Die Abhängigkeit war groß. Und noch immer zahlen wir den Preis für den Umbau der Wirtschaft mit „Nullwachstum“. Die schöne Welt der Globalisierung beginnt zu zerbröckeln. Das spüren wir ganz besonders seit dem Antritt von Donald Trump als Präsident der USA. Seither knirscht es gewaltig im transatlantischen Bündnis.

Plötzlich spüren wir, wie abhängig wir von High-tech aus den USA sind. Das Handelsblatt hat in der letzten Wochenendausgabe die US-Tech-Dominanz nach US-Marktanteilen in der EU 2024 in Prozent aufgelistet. Die Ergebnisse: Konsumenten-Plattformen: Mobile- und Desktop-Betriebssysteme ca. 100 Prozent. Soziale Medien: YouTube, Facebook, Instagram, Pinterest, X, Snapchat ca. 90 Prozent. Suchmaschinen: Google ca. 89 Prozent. Unternehmenssoftware: Microsoft, Oracle, Salesforce, IBM ca. 80 Prozent. Cloudinfrastruktur: AWS, Microsoft Azure, Google Cloud ca. 70 Prozent. Die ökonomische Übermacht der US-Tech-Konzerne ist erdrückend.

Nach einer Bitkom-Erhebung importieren 96 Prozent der deutschen Unternehmen digitale Technologien und Services, nur 25 Prozent exportieren dergleichen. Tatsächlich wünschen sich vier von fünf Firmen europäische Alternativen. Angesichts dieser Zahlen darf man fragen, wie resilient unsere IT-Infrastruktur ist. Die zweite Amtszeit von Donald Trump hat gerade erst begonnen. Aus dem Covid-Ereignis haben wir gelernt, dass es „kein Zurück mehr“ in die Zeit davor gibt. Wie beim Einmarsch der Russen in die Ukraine, müssen wir lernen, schnell zu handeln. Wir müssen uns aus der Tech-Abhängigkeit befreien. Das wird ein langer Marsch durch die Institutionen.

Minister-Zoff im bayerischen Kabinett

Apropos Marsch durch die Institutionen. Seit Wochen gibt es Minister-Zoff im bayerischen Kabinett, schrieb die SZ am 13. Januar. Es geht um die Frage, ob die Behörden in Bayern weiterhin mit Software des US-Riesen Microsoft arbeiten sollen und die Nutzung zudem weitläufig auf die Kommunen ausgebreitet wird. CSU-Finanzminister Füracker setzt auf die Fortsetzung und Vereinheitlichung der Microsoft-Nutzung. Sie spart Kosten. Dagegen fordert der bayerische Digitalminister Dr. Fabian Mehring von den Freien Wählern „eine ergebnisoffene Neubewertung“ dieses Projekts. Schließlich hat sich die geopolitische Lage fundamental verändert und digitale Souveränität ist zu einem Masterthema unserer Zeit geworden. Mit Blick auf den Fall des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, Microsoft hatte im Mai das E-Mail-Konto des Chefanklägers Karim Khan auf Betreiben von Donald Trump gesperrt, hat er die Frage nach unserer digitalen Souveränität gestellt. Mehring verweist auf die Sicherheit der Daten des Freistaats. Dabei geht es um viel Geld, aber auch um den Ausstieg aus einer gravierenden und gefährlichen Abhängigkeit.

Vor dieser Herausforderung stehen heute fast alle Unternehmen in Europa. Mehr Souveränität kostet viel Geld. Allein der Bund überweist jährlich mehr als 200 Millionen Euro Lizenzkosten nur an Microsoft. Hinzu kommen Kosten bei Ländern und Kommunen. Wäre es nicht hilfreich, wenn dieses Geld in die Entwicklung unserer eigenen Softwareindustrie fließen würde? Schleswig-Holstein zieht Konsequenzen und verabschiedet sich von Microsoft. Das Land setzt auf sogenannte Open-Source-Lösungen. In Zukunft wissen die Menschen dort genau, was mit ihren Daten geschieht. Das ist bei kommerzieller Software nie ganz klar.

Digital-Zoff in der HR-Abteilung

Die Abhängigkeit des Unternehmens, das Wohl der Mitarbeitenden und deren Daten stehen auf dem Spiel. HR muss sich bei allen anstehenden Softwareentscheidungen diesen Fragen stellen und den Schalter umlegen. Die derzeitige Abhängigkeit ist hausgemacht. Vor 30 Jahren waren ca. 80 Prozent der Softwarelösungen im HR-Bereich in Deutschland „Made in Germany“. Bei der HR-Software für Zeitwirtschaft, Entgeltabrechnung und Personalverwaltung war Deutschland in den 80er- und 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts weltweit führend. Es gibt kein Zurück, aber auch kein Weiter so. Der Kompromiss, auf den sich die USA beim Thema TikTok mit China geeinigt hat, zeigt, dass der Wettbewerber aus dem Osten punktet und dagegen hält. ByteDance, der Eigentümer behält den technologischen Bauplan der App. Nach dem Deep-Seek-Schock ist das eine weitere Niederlage für die USA. Nicht nur China, auch Russland und der Iran gehen zukünftig eigene Wege im Netz.

Es wird Zeit, dass Europa die eigenen Kapazitäten ausbaut, seine Ressourcen stärker nutzt und selbst Software in die ganze Welt exportiert, wie einst beim Thema Datenschutz. Der europäische Markt ist riesig und selbst die Asiaten freuen sich über Alternativen zu US-Softwarelösungen. Warum nutzen wir Palantir, statt eine eigene Lösung zu entwickeln? SAP ist der beste Beweis, dass wir auch Software können. Es gibt viele weitere Themen, die zeigen, wie wichtig eigenständische HR-Lösungen und HR-Schwerpunkte für Europa wären. Das gilt für alle genannten Themen: KI, Gender, und Cybersicherheit. Es gibt nicht nur den American Way of (Trump) Life. Mega statt Maga.

Stefan Schaible, der Vorstandssprecher der Unternehmensberatung Roland Berger, sagte vor wenigen Tagen in Davos: “Europa muss das Thema Souveränität nun wirklich vorantreiben, eine europäischen Nukleargemeinschaft schaffen, europäische Cloud-Angebote, einen vollendeten Kapitalmarkt, ein europäisches Zahlungssystem – und Euro-Bonds, ansonsten wird Europa nur noch durch die Manege gezogen.“ (Handelsblatt 23./24./25./ Januar 2026)

Franz Langecker, Chefredakteur HR Performance

Franz Langecker

Chefredakteur HR Performance

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