KI schafft neue Jobs – aber ist HR darauf vorbereitet?
Noch vor wenigen Jahren kaum existent, ist die Rolle der KI-Trainer:innen heute ein globales Berufsbild. Dem Deel-Report zufolge arbeiten mehr als 70.000 Fachkräfte in über 600 Organisationen daran, KI-Systeme zu trainieren. Doch was machen KI-Trainer:innen überhaupt?

KI wird im HR-Kontext oft in Bezug auf das Thema Effizienz diskutiert: Als Mittel, um Prozesse zu automatisieren, Kosten zu senken und gleichzeitig die Produktivität zu steigern. Doch diese Perspektive greift inzwischen viel zu kurz und wirkt jetzt schon überholt. KI ist längst nicht mehr nur ein Werkzeug zur Optimierung, sondern verändert Arbeitsmärkte strukturell, besonders im Hinblick auf neue Jobs, denn diese entstehen schneller, als Organisationen sie derzeit einordnen können. Besonders sichtbar wird diese Entwicklung an einer Jobrolle, die erst in den letzten Jahren entstanden ist: KI-Trainer:innen.
Hierbei handelt es sich um Fachkräfte, die KI-Systeme durch Bewertung, Korrektur und Aufarbeitung von Trainingsdaten verbessern. Unternehmen bauen diese Rolle gezielt auf, um KI sinnvoll in Arbeitsprozesse zu integrieren. Wie dynamisch sich dieser Wandel entwickelt, zeigt ein Blick nach Deutschland, denn laut dem State of Global Hiring Report 2025 von Deel ist die Zahl der KI-Trainer:innen innerhalb eines Jahres von 44 auf 581 gestiegen.
Diese Dynamik stellt bestehende Arbeitsstrukturen infrage und trifft damit insbesondere HR-Verantwortliche. Die Herausforderung liegt weniger in der Technologie selbst als in der Geschwindigkeit, mit der sich Rollen, Kompetenzen und Arbeitsmodelle verändern. Für HR verschiebt sich damit der Fokus: weg von der Frage, wie einzelne Technologien implementiert werden, hin zu der Frage, wie Strukturen gestaltet sein müssen, um mit einer Arbeitsrealität Schritt zu halten, in der neue Rollen fortlaufend entstehen, sich Anforderungen dynamisch verändern und Talente zunehmend global organisiert werden.
KI-Trainer:innen als sichtbares Beispiel für neue Arbeitsrealitäten
Noch vor wenigen Jahren kaum existent, ist die Rolle der KI-Trainer:innen heute ein globales Berufsbild. Dem Deel-Report zufolge arbeiten mehr als 70.000 Fachkräfte in über 600 Organisationen daran, KI-Systeme zu trainieren. Doch was machen KI-Trainer:innen überhaupt?
KI-Trainer:innen übernehmen eine zentrale Aufgabe an der Schnittstelle zwischen Technologie und Anwendung, indem sie sicherstellen, dass KI-Systeme verlässliche und kontextgerechte Ergebnisse liefern. Im Kern geht es dabei weniger um klassische Softwareentwicklung als vielmehr um die kontinuierliche Verbesserung und Steuerung von KI-Verhalten.
Dabei unterstützen sie das sogenannte Reinforcement Learning mit menschlichem Feedback (RLHF). Sie prüfen die Ausgaben von KI-Systemen, bewerten deren Qualität, korrigieren Fehler und geben gezielte Hinweise, wo Verbesserungen notwendig sind. Weiterhin strukturieren und labeln sie große Mengen an Text-, Bild- oder Audiodaten und bereinigen fehlerhafte Inhalte. So schaffen KI-Trainer:innen die Grundlage dafür, dass Modelle sinnvolle Muster erkennen können. Gleichzeitig lernt die KI, hilfreiche von weniger hilfreichen Antworten zu unterscheiden und ihre Reaktionen besser an den Kontext anzupassen. Ohne diesen menschlichen Feedback-Kreislauf fällt es KI-Systemen deutlich schwerer, brauchbare Antworten zu liefern.
Vielfältige Einsatzfelder von KI-Trainer:innen
Die Einsatzfelder von KI-Trainer:innen sind dabei äußerst vielfältig: Sie reichen von Datenannotation bis hin zu hochqualifizierten Tätigkeiten in Bereichen wie Wirtschaft, Medizin und Übersetzung. Dennoch ist die Rolle derzeit noch wenig standardisiert, stark an konkrete Anwendungsfälle gebunden und kontinuierlicher Entwicklung ausgesetzt. Gleichzeitig zeigt sich an dieser Rolle besonders deutlich ein weiterer Trend, denn KI-Arbeit ist von Beginn an global organisiert. Unternehmen greifen gezielt auf weltweit verfügbare, spezialisierte Fähigkeiten zurück. So lassen KI-Labore beispielsweise ihre Ergebnisse häufig von Muttersprachler:innen oder regionalen Expert:innen überprüfen, was eine global verteilte Belegschaft statt einer Konzentration in klassischen Tech-Hubs erfordert.
Genau diese Kombination aus dynamischen Rollenprofilen und global verfügbaren Fähigkeiten erschwert jedoch ihre Einordnung in bestehende Organisationslogiken. Rollen lassen sich immer seltener klar definieren, vergleichen oder geografisch zuordnen.
Mit der Entstehung neuer Rollen wie KI-Trainer:innen geraten bestehende HR-Logiken somit zunehmend unter Druck. Systeme, die auf stabilen Jobprofilen, planbaren Karrierepfaden und klaren Vergütungsstrukturen basieren, sind auf eine Dynamik, in der sich Rollen stetig verändern, nicht ausgelegt. Die Herausforderung für HR besteht daher weniger in der Integration einzelner Rollen, sondern darin, Strukturen zu schaffen, die mit dieser Dynamik umgehen können.
Die eigentliche Verschiebung: HR wird zur gestaltenden Funktion
Wenn Rollen zunehmend dynamisch und global entstehen, verliert ihre klassische Einordnung als stabile Organisationsgröße an Bedeutung. Genau daraus ergibt sich die eigentliche Verschiebung für HR, sodass Verantwortliche zunehmend in der Lage sein müssen, permanente Lernumgebungen zu schaffen, neue Kompetenzprofile zu entwickeln und die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine systematisch zu fördern. Dazu gehört auch, neue Formen von Leistung zu definieren, die hybride Arbeitsmodelle berücksichtigen, sowie die gezielte Weiterentwicklung von Mitarbeitenden zu unterstützen – insbesondere in Bereichen, in denen neue Rollen wie KI-Trainer:innen entstehen. Zudem zeigt sich eine strukturelle Lücke: Laut McKinsey HR-Monitor 2026 bieten lediglich 28 % der Unternehmen in Deutschland formale KI-Trainings an, obwohl genau diese für den Aufbau entsprechender Kompetenzen entscheidend sind.
Damit verschiebt sich die zentrale Steuerungslogik von Arbeit, weg von starren Rollen, hin zu zukunftsorientierten Fähigkeiten. Statt von Jobprofilen auszugehen, müssen Organisationen verstehen, welche Skills sie tatsächlich benötigen und wie sich diese flexibel kombinieren lassen. Für HR bedeutet das, dynamische Skill-Architekturen aufzubauen, die kontinuierlich weiterentwickelt werden. Im Workforce Planning zählt künftig weniger, wie viele Mitarbeitende es gibt, sondern welche Kompetenzen verfügbar sind. Somit ist HR nun gefordert, seine strategischen Fähigkeiten gezielt einzusetzen, um zukünftige Bedarfe zu antizipieren, Kompetenzlücken zu schließen und die Mitarbeitendenbindung zu stärken, ohne an Flexibilität zu verlieren. Denn wie das Beispiel der KI-Trainer:innen zeigt, vollzieht sich der Wandel nicht in festen Rollen, sondern oft in neuen, noch unscharf definierten Formen.
HR muss Strukturen neu ausrichten
Das Beispiel der KI-Trainer:innen zeigt nicht nur, wie sich Arbeit verändert, sondern vor allem, wo bestehende Systeme ihre Grenzen erreichen. Neue Rollen lassen sich zunehmend nicht mehr eindeutig bewerten, vergleichen oder in bestehende Modelle einordnen und genau das erschwert zentrale HR-Entscheidungen im Alltag. Für HR entsteht daraus eine praktische Herausforderung: Auf welcher Grundlage werden Rollen bewertet, wenn Aufgaben sich laufend verändern? Wie lassen sich Gehälter festlegen, wenn Vergleichbarkeit fehlt? Und wie kann Entwicklung gesteuert werden, wenn Karrierepfade nicht mehr klar vorgegeben sind?
Die Antwort liegt nicht in neuen Einzelinstrumenten, sondern in einer veränderten Steuerungslogik. HR muss stärker mit Unsicherheit arbeiten können, wie etwa durch flexiblere Bewertungsmaßstäbe, kürzere Planungszyklen und engere Verzahnung von Lernen, Einsatz und Entwicklung. Ziel ist nicht mehr, Stabilität herzustellen, sondern Steuerbarkeit unter dynamischen Bedingungen zu ermöglichen. Damit wird HR zur Funktion, die nicht mehr primär Ordnung in bestehende Strukturen bringt, sondern Orientierung in einem System schafft, das sich permanent verändert.

Nadia Alaee, Senior Director, HR Business Partner
Nadia Alaee leitet den globalen HR-Businesspartner-Bereich bei Deel. Gemeinsam mit ihren Mitarbeiter:innen baut sie enge Partnerschaften mit Führungskräften auf, um deren Teams zu stärken, zu begleiten und weiterzuentwickeln. Bevor sie zu Deel kam, war Nadia Alaee unter anderem bei YouTube tätig.



