Ist HR für KI in der Personalentwicklung bereit?
Künstliche Intelligenz trifft die Personalentwicklung in zweierlei Hinsicht: Einerseits geht es um den gezielten Einsatz von KI in HR‑Prozessen. Andererseits geht es um die Aufgabe von HR, die gesamte Organisation zur sinnvollen, verantwortungsvollen und kritischen Nutzung von KI zu befähigen. Beide Perspektiven sind untrennbar miteinander verbunden und positionieren HR als zentrale gestaltende Kraft der Transformation.

Professorin Isabella Grabner von der Wirtschaftsuniversität Wien und Mag. Alexandra Eichberger zeigen in ihrem neuesten Beitrag auf, wie tiefgreifend KI die Personalentwicklung und das Talentmanagement verändern wird. Im Mittelpunkt steht dabei die Haltung, mit der Personalabteilungen der KI-Technologie begegnen. Wer Mitarbeitende befähigt, KI zu verstehen und mit ihr den Arbeitsprozess aktiv zu gestalten, schafft die Grundlage dafür, dass Talente wachsen und Unternehmen zukunftsfähig bleiben.
Die Arbeitswelt verändert sich rasant
Politische Unsicherheit, wirtschaftliche Herausforderungen und die fortschreitende Digitalisierung prägen unsere Arbeitswelt seit Jahren. Neu ist jedoch die Geschwindigkeit, mit der technologische Innovationen entstehen, adaptiert werden und Wirkung entfalten. Künstliche Intelligenz (KI) markiert dabei keinen weiteren Digitalisierungsschritt, sondern einen fundamentalen Wendepunkt.

Quelle: ChatGPT-4: A near to perfect AI-powered digital assistant | by Netscribes | Medium
Ein eindrucksvolles Beispiel liefert ChatGPT: Während Plattformen wie Netflix, Airbnb oder Facebook mehrere Jahre benötigten, um 100 Millionen Nutzer:innen zu erreichen, gelang dies hier innerhalb kürzester Zeit. Diese Dynamik verdeutlicht: Es geht nicht um die Einführung eines weiteren Tools, sondern um eine tiefgreifende Transformation der Arbeitswelt – branchenübergreifend.
Zahlreiche Studien zeichnen ein konsistentes Bild: Nicht ganze Berufe verschwinden. Vielmehr verändern sich ihre Inhalte und Kompetenzanforderungen grundlegend. Der Future of Jobs Report des World Economic Forum prognostiziert, dass bis 2027 rund 23 Prozent aller Jobs weltweit neu entstehen oder sich substanziell verändern werden – getrieben vor allem durch künstliche Intelligenz, Automatisierung und datenbasierte Technologien.
Auch McKinsey & Company kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Der Einsatz von KI führt weniger zum Wegfall kompletter Stellen, sondern zu einer tiefgreifenden Verschiebung von Tätigkeiten innerhalb bestehender Rollen. Besonders wissensintensive Aufgaben wie Analyse, Reporting und Entscheidungsunterstützung verändern sich deutlich. Für Unternehmen bedeutet das vor allem eines: einen beschleunigten Skill-Shift, der kontinuierliche Personalentwicklung zur strategischen Notwendigkeit macht.
Ein weiterer Faktor, der Personalentwicklung in den Fokus strategischer Entscheidungen rückt, ist die rasante Weiterentwicklung von Fachwissen. Was gestern noch State of the Art war, wird heute erweitert oder ersetzt. Wissen verfällt nicht – es veraltet schneller. Lernen wird damit zum kontinuierlichen Prozess, der systematisch gestaltet und strategisch verankert werden muss.
Diese Entwicklungen werfen eine zentrale Frage auf: Wenn sich Arbeit, Rollen und Kompetenzanforderungen so grundlegend verändern, wie müssen Unternehmen dann ihre Mitarbeitenden befähigen, Schritt zu halten? Genau an dieser Stelle rückt die Personalentwicklung in den Mittelpunkt der KI-Transformation.
KI und Personalentwicklung – zwei Seiten derselben Medaille
Künstliche Intelligenz trifft die Personalentwicklung in zweierlei Hinsicht: Einerseits geht es um den gezielten Einsatz von KI in HR‑Prozessen, etwa in der Kompetenzanalyse, der Bedarfsprognose oder der Personalisierung von Lernangeboten.
Andererseits geht es um die Aufgabe von HR, die gesamte Organisation zur sinnvollen, verantwortungsvollen und kritischen Nutzung von KI zu befähigen. Beide Perspektiven sind untrennbar miteinander verbunden und positionieren HR als zentrale gestaltende Kraft der Transformation.
Die strategische Bedeutung der Personalentwicklung zeigt sich besonders deutlich, wenn der Blick auf ihre heutige Praxis fällt. Denn zwischen Anspruch und Realität klafft in vielen Organisationen noch eine deutliche Lücke.
KI in der Personalentwicklung: Vom Verwalten zum Gestalten
Viele HR-Abteilungen bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Compliance, administrativen Routinen und reaktivem Abarbeiten von Anfragen. Ein erheblicher Teil der Zeit fließt in Schulungsorganisation, Teilnehmer:innenverwaltung und manuelle Dokumentation. Zeit für strategische Talententwicklung, Business-orientierte Bedarfserhebung oder individuelle Entwicklungsbegleitung fehlt häufig.
Genau hier liegt das Potenzial von KI – nicht als weiteres System, sondern als Paradigmenwechsel: von reaktiver Verwaltung zu proaktiver Gestaltung, von Einheitsprogrammen zu personalisierter Entwicklung, von manueller Analyse zu datenbasierten Echtzeit-Insights. KI übernimmt, was Maschinen besser können, und schafft Raum für das, was Menschen auszeichnet: Beziehungsarbeit, strategische Weitsicht und empathische Begleitung von Mitarbeitenden und Führungskräften.
Lesen Sie den vollständigen Beitrag aus der HR Performance 1/2026.

Alexandra Eichberger ist Head of Group People Development & Culture bei der Erste Group in Wien.

Isabella Grabner ist Professorin am Institut für Unternehmensführung der Wirtschaftsuniversität Wien, E-Mail: isabella.grabner@wu.ac.at.



