„Sichtbare Symptome der Wechseljahre sind nur die Spitze“ : Interview mit Michaela Mutka-Wasling über das Thema Wechseljahre am Arbeitsplatz
Wie können Frauen in den Wechseljahren am Arbeitsplatz unterstützt werden? Wie offen sollte dieses Thema kommuniziert werden? Und wieso leidet am Ende auch die Wirtschaft? Diese und weitere Fragen hat uns Michaela Mutka-Wasling im Interview beantwortet.

HRP: Die Wechseljahre kommen als Thema immer mehr in den Fokus. Warum ist das so?
Michaela Mutka-Wasling: Zum einen ist es schlicht Demografie. In Deutschland sind rund 13 Millionen Frauen zwischen 40 und 62 Jahren betroffen, viele mitten im Berufsleben, erfahren und oft in Verantwortung. Diese Generation ist nicht mehr bereit, still zu leiden. Zum anderen erleben wir einen kulturellen Wandel: Was jahrzehntelang privat und mit Scham besetzt war, wird endlich offen benannt. Andere Länder sind uns dabei voraus. In Großbritannien müssen Arbeitgeber ab 250 Beschäftigten künftig gesetzlich Aktionspläne zu den Wechseljahren vorlegen, das betrifft also nicht nur Großkonzerne, sondern schon den Mittelstand. Und schließlich haben Unternehmen begriffen, dass sie es sich nicht leisten können, erfahrene Frauen ausgerechnet in dieser Lebensphase zu verlieren. Das Zusammenspiel aus Demografie, einem neuen Selbstverständnis der Frauen und dem Wert ihrer Erfahrung bringt das Thema jetzt mit Wucht auf die Agenda.
Sichtbare Symptome sind nur die Spitze
HRP: Konzentrationsprobleme im Büro, eine schlaflose Nacht vor dem nächsten Arbeitstag oder plötzlich Hitzewallungen mitten im Meeting: Sollten Frauen das Thema offen am Arbeitsplatz ansprechen?
Mutka-Wasling: Grundsätzlich ja, Offenheit hilft. Aber die Verantwortung darf nicht allein bei der einzelnen Frau liegen. Viele trauen sich schlicht nicht: Für mehr als die Hälfte ist das Thema am Arbeitsplatz ein Tabu. Fast die Hälfte findet es unangenehm, mit dem Arbeitgeber darüber zu sprechen, und jede sechste fürchtet sogar berufliche Nachteile. Solange das so ist, ist die Aufforderung „Sprich es doch offen an“ eine Zumutung. Zuerst muss das Umfeld sicher sein. Hinzu kommt: Die sichtbaren Symptome wie eine Hitzewallung im Meeting sind nur die Spitze. Eine große internationale Studie zeigt, dass Frauen in dieser Phase am häufigsten Erschöpfung, Konzentrationsprobleme und Stimmungstiefs erleben, also genau das, was man von außen nicht sieht. Mein Rat an Frauen: Sucht euch Verbündete und sprecht dort, wo ihr euch sicher fühlt. Und mein Appell an die Unternehmen: Schafft zuerst die Kultur, in der Offenheit möglich ist, dann kommt sie von selbst.
Unterstützung muss nicht teuer sein
HRP: Wie können Arbeitgeber hier unterstützen? Und fühlen sich die betroffenen Frauen schon gut unterstützt?
Mutka-Wasling: Nein, aktuell fühlen sich die wenigsten gut unterstützt. Die Frauen wünschen sich vor allem zwei Dinge: sensibilisierte Führungskräfte (76 Prozent) und eine wechseljahresfreundliche Arbeitskultur (73 Prozent). Tatsächlich angeboten wird beides aber nur von rund vier bis fünf Prozent der Arbeitgeber. Diese Lücke ist riesig, und genau darin liegt die Chance. Das Gute ist: Unterstützung muss weder teuer noch kompliziert sein. Der erste und wichtigste Schritt ist Enttabuisierung durch Wissen. Oft lohnt sich vorab eine kurze, anonyme Befragung, um zu sehen, wo das Unternehmen steht und was die Frauen wirklich brauchen. Darauf folgen ein Impulsvortrag für die Belegschaft und eine kurze Schulung für Führungskräfte, damit sie Signale erkennen und Gespräche sicher führen können. Dazu kommen praktische Anpassungen, die oft fast nichts kosten: Einfluss auf Temperatur und Frischluft, kurze Pausen, ein ruhiger Rückzugsraum, flexible oder mobile Arbeit an schlechten Tagen. Und drittens eine klare Ansprechperson oder eine kurze Richtlinie, damit Betroffene wissen, an wen sie sich wenden können. Entscheidend ist, dass die Führung mit gutem Beispiel vorangeht. Wenn eine Führungskraft das Thema selbstverständlich benennt, traut sich das ganze Team.
Am Ende leidet auch die Wirtschaft
HRP: Wieso leidet am Ende auch die Wirtschaft unter den Wechseljahren?
Mutka-Wasling: Weil Unternehmen genau die Frauen verlieren, die sie am dringendsten brauchen: erfahren, kompetent, oft in Schlüsselrollen. Die Zahlen sind deutlich. In Deutschland wird der jährliche volkswirtschaftliche Schaden durch unerkannt beeinträchtigte oder ausfallende Mitarbeiterinnen auf rund 9,4 Milliarden Euro geschätzt, verbunden mit etwa 40 Millionen Krankheitstagen. Fast ein Drittel der betroffenen Frauen war wegen der Wechseljahre schon krankgeschrieben, jede fünfte hat ihre Stunden reduziert, jede sechste die Stelle gewechselt. Das ist Wissen und Führungskompetenz, die aus den Unternehmen abfließt. Dahinter steckt oft ein stiller Rückzug: Mehr als die Hälfte der Frauen verliert in dieser Phase an Selbstvertrauen. Das Bittere ist, dass fast nichts davon nötig wäre.
Was Unternehmen konkret gewinnen, wenn sie handeln: Sie halten erfahrene Frauen und deren Wissen im Haus, die Fehltage sinken, und die Frauen bleiben leistungsfähig und engagiert. Der Flughafen München zeigt, wie das geht: Seit 2024 macht er die Wechseljahre in einem Leuchtturmprojekt zum festen Thema seines Gesundheitsmanagements und wurde 2025 mit dem Corporate Health Award (Exzellenz-Siegel) für sein Betriebliches Gesundheitsmanagement ausgezeichnet. Der Effekt reicht dabei weit über die Betroffenen hinaus: Ein Arbeitgeber, der diese Lebensphase ernst nimmt, signalisiert allen Mitarbeitenden eine Kultur der Fürsorge, und das stärkt Bindung und Arbeitgeberattraktivität. Es geht also nicht darum, Frauen zu schonen, sondern ihre Erfahrung und Leistungskraft zu halten. Bei geringen Kosten ist das eine der wirksamsten Investitionen in die eigene Belegschaft.
HRP: Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Michaela Mutka-Wasling ist systemische Business Coachin (Steinbeis Akademie), Wechseljahresmanagerin mit akademischer Weiterbildung zum Thema (AKAD) und hat über 20 Jahre Führungserfahrung in der internationalen Modebranche.



