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Job Hugging: Warum bleiben nicht gleich binden ist

Arbeitsplatzsicherheit als neue Priorität: Was sind die Folgen? Ohne Bindung keine Extrameile, weiß Nicole Mantow, Geschäftsführerin von Edenred Deutschland.

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Job Hugging: Frau umarmt sich
Foto: ©AdobeStock/Tetiana

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Personalabteilungen in Deutschland können aufatmen: Die Wechselbereitschaft der Beschäftigten sinkt, die Fluktuation in Unternehmen geht zurück und Teams bleiben stabil. Doch diese vermeintliche Stabilität ist trügerisch. Denn viele Mitarbeitende bleiben nicht aus Überzeugung, sondern aus Unsicherheit. Dieses Phänomen hat mittlerweile einen Namen: Job Hugging.

Ohne Bindung keine Extrameile

Laut einer Erhebung von Willis Towers Watson (WTW) planen aktuell 61 Prozent der Beschäftigten in Deutschland, in den kommenden zwei Jahren bei ihrem Arbeitgeber zu bleiben. 2022 lag dieser Wert noch bei 53 Prozent. Bei näherer Betrachtung entsteht hier eine Herausforderung für Unternehmen, wie die Zahlen des Gallup Engagement Index 2025 zeigen.

Demnach sind nur 10 Prozent emotional an ihren Arbeitgeber gebunden, 77 Prozent haben eine geringe emotionale Bindung. Weitere 13 Prozent haben gar keine emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber. Fehlt die emotionale Komponente, gehen die Mitarbeitenden nicht mehr die Extrameile, sondern machen „Dienst nach Vorschrift“.

Für Unternehmen bedeutet diese Entwicklung, dass sie zwar weniger Fluktuation, aber auch weniger engagierte Mitarbeitende haben. Mögliche Folgen: Ideen bleiben aus, Proaktivität wird ersetzt durch bloßes Reagieren, Herausforderungen werden verspätet adressiert – um nur einige zu nennen.

Arbeitsplatzsicherheit als neue Priorität

Ein wichtiger Grund für das Job Hugging ist die wirtschaftliche Lage, in der sich Deutschland aktuell befindet. Ökonomische Unsicherheit, Stellenabbau und die Angst vor einem Jobverlust aufgrund von KI verringern die Wechselbereitschaft. Nach Jahren mit diversen Krisen ist zudem das Bedürfnis nach Sicherheit bei vielen Menschen gestiegen. Eine aktuelle Studie von Xing in Kooperation mit Forsa zeigt, wie tief sich dieses bereits verankert hat: 75 Prozent der Generation X nennt Jobsicherheit als wichtigstes Kriterium bei der Wahl eines neuen Arbeitgebers. Ähnlich sieht es bei den jüngeren Millennials (70 Prozent) und bei der Generation Z (73 Prozent) aus. Insgesamt ist die Wechselbereitschaft von 48 Prozent im Vorjahr auf 44 Prozent gesunken.

Die Folgen: Mehr Fehltage, weniger Produktivität

Für Unternehmen hat diese Entwicklung messbare Folgen: gesunkene Produktivität und weniger motivierte Mitarbeitende. Denn emotional gebundene Mitarbeitende zahlen sich gleich doppelt aus: Sie sind produktiver und fehlen weniger. Die Zahlen von einer Meta-Analyse von Gallup zeigen: Personen, die beim Mitarbeiterengagement im obersten Segment angesiedelt waren, wiesen eine rund 18 Prozent höhere Produktivität als die Mitarbeitenden im untersten Zufriedenheits-Segment auf. Zusätzlich fielen die Fehltage bei Beschäftigten ohne emotionale Bindung um 41 Prozent höher aus als bei den Personen mit hoher emotionaler Bindung.

Auch hier zeigt sich also: Wer zufrieden und engagiert ist, erledigt seine Aufgaben schneller und zuverlässiger. Zusätzlich bringen diese Mitarbeitenden Innovationen und neue Ideen ins Unternehmen, die für das Fortbestehen essenziell sind.

Bedürfnisse der Mitarbeitenden verstehen

Um gegenzusteuern, müssen Unternehmen verstehen, was ihre Mitarbeitenden aktuell konkret bewegt. Die WTW-Studie liefert aufschlussreiche Erkenntnisse: Das Gehalt ist für 62 Prozent entscheidend für die Frage, ob sie bei einem Arbeitgeber bleiben, gefolgt von der Jobsicherheit (50 Prozent) und den Kolleginnen und Kollegen (43 Prozent).

Sorgen um die finanzielle Absicherung

Aufgrund steigender Kosten und der anhaltenden Inflation Sorgen sich die Menschen in Deutschland aktuell vor um ihre Finanzen, wie eine aktuelle Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung zeigt. Demnach machen sich rund 81 Prozent der Befragten einige oder große Sorgen um ihre finanzielle Absicherung. Mehr als ein Drittel der Befragten schränkt die Konsumausgaben ein, bei den Befragten mit großen Sorgen sind es rund zwei Drittel.

Finanzielle Wertschätzung im Alltag

Gerade in Zeiten, in denen große Gehaltssprünge auch für Firmen aufgrund der wirtschaftlichen Lage oft nicht finanzierbar sind, rücken niedrigschwellige Instrumente in den Fokus. Betriebliche Sozialleistungen wie Sachbezüge oder Essenszuschüsse können einen konkreten Beitrag leisten, um Wertschätzung im Alltag der Beschäftigten sichtbar zu machen – und das bei überschaubarem finanziellem Aufwand für die Unternehmen.

Mit Sachbezug und Verpflegungszuschuss spürbar unterstützen

Arbeitgeber können ihren Beschäftigten bis zu 50 Euro pro Monat steuer- und sozialabgabenfrei im Rahmen des Sachbezugs zukommen lassen. Zusätzlich sind Zuwendungen zu besonderen persönlichen Anlässen wie Geburtstagen in Höhe von je bis zu 60 Euro möglich.

Auch Zuschüsse für das Mittagessen spielen eine wichtige Rolle, sie sind aktuell in Deutschland ein noch unterschätzter Benefit. Denn Arbeitgeber können ihren Mitarbeitenden aktuell bis zu 7,67 Euro und ab 2027 bis zu 7,80 Euro pro Tag gewähren. Bei einer Ausgabe von 15 Essensgutscheinen im Monat summiert sich dies auf rund 115 Euro – für viele Mitarbeitende ein spürbarer Beitrag zum angespannten Lebensmittel- und Haushaltsbudget.

Flexible, praktikable Modelle sind gefragt

Wichtig ist jedoch: Nicht alle betrieblichen Sozialleistungen entfalten automatisch die gewünschte Wirkung. Entscheidend ist, wie sie ausgestaltet sind und der Belegschaft kommuniziert werden. Unternehmen sollten vor der Einführung folgende Punkte klären: Was wünschen sich die Mitarbeitenden? Je nach Alter, Lebenssituation oder auch Standort haben Mitarbeitende unterschiedliche Bedürfnisse. So wünschen sich z.B. Menschen im urbanen Raum oft Sport- und Fitnessangebote, während im ländlichen Raum Tanken eine größere Rolle spielen kann.

Flexible Modelle mit verschiedenen Wahlmöglichkeiten werden besser angenommen als eine festgelegte und wenig flexible Lösung, wie beispielsweise die Mitgliedschaft im Fitnessstudio als einziger Benefit für alle Beschäftigten. Für Mitarbeitende ist zudem eine einfache Handhabung wichtig, denn sonst wird der Benefit nicht genutzt.

Benefits anbieten und drüber reden

Ein Punkt, in dem Unternehmen einen großen Einfluss haben, der oft unterschätzt wird, ist die transparente Kommunikation: Viele Beschäftigte wissen gar nicht genau, welche Benefits sie nutzen können. Hier macht es Sinn, regelmäßig proaktiv zu informieren, welche Benefits angeboten werden und was sie genau enthalten. Hierfür eignen sich nicht nur Seiten im Intranet, sondern auch der nächste All-Hands-Call oder Teammeetings.

Lieber regelmäßige Benefits als einmaliger Bonus

Neben der klaren Kommunikation ist die Kontinuität des Angebots entscheidend. Wertschätzung muss von den Mitarbeitenden erlebbar sein, und das regelmäßig. Einmalige Bonuszahlungen verpuffen schnell, während beispielsweise das Jobticket, monatliche Sachbezüge oder der tägliche Zuschuss zum Mittagessen im Alltag integriert sind und so dauerhaft im Bewusstsein bleiben. Wichtig: In schwierigen Zeiten gewinnt Wertschätzung zeigen umso mehr an Stellenwert. Betriebliche Sozialleistungen sind dabei ein möglicher Hebel für Unternehmen, gerade in der aktuell wirtschaftlich angespannten Zeit. Sie zeigen der Belegschaft: Ihr seid uns wichtig, auch wenn es gerade keine großen Gehaltserhöhungen geben mag.

Die eigentliche Aufgabe geht darüber hinaus: Unternehmen müssen verstehen, dass Job Hugging ein Symptom für Unsicherheit, fehlende Perspektiven und mangelnde Wertschätzung ist. Wer nur erfasst, dass Mitarbeitende bleiben, ohne die Mitarbeiterbindung mit einzubeziehen, riskiert eine Belegschaft, die physisch anwesend ist, sich aber schon längst verabschiedet hat. Möglichkeiten, dem gegenzusteuern, gibt es. Sie gilt es wahrzunehmen.

Nicole Mantow

Nicole Mantow, Geschäftsführerin von Edenred Deutschland

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