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Serendipity: Innovationsfähigkeit durch den „Faktor Zufall“

Interview mit Christoph Drebes, Geschäftsführer Mystery Lunch, zum Thema „Serendipity“

 

HRP: Herr Drebes, was ist Serendipität? 

Drebes: Wir alle kennen die Geschichte von der Entdeckung Amerikas: Christoph Kolumbus ist mit viel Enthusiasmus losgesegelt, um einen neuen Seeweg nach Indien von Westen her zu erschließen. Vollkommen unerwartet stieß er auf den neuen, bis dato unbekannten Kontinent. Das ist das vielleicht bekannteste Beispiel von Serendipität: Wir sind auf der Suche nach etwas und machen dabei eine Entdeckung, die noch viel wertvoller ist – denn Amerika war vollkommen neu. Auch in unserer Zeit gibt es genügend Beispiele. Die Mikrowelle, Röntgenstrahlen, der Sekundenkleber, der Klettverschluss, das Internet – sie alle sind mehr oder weniger zufällig entdeckt worden. Und zwar in einem Moment, in dem die jeweiligen Erfinder an etwas anderem geforscht haben. So ging es uns selbst übrigens auch mit Mystery Lunch: Als wir angestellt waren in einem Konzern, haben wir uns darüber geärgert, dass unsere Projekte nicht im gewünschten Tempo vorwärts kommen. Per Zufall kamen wir auf die Idee, dass eine Plattform für mehr Vernetzung und Dynamik sorgen könnte. Die Idee für Mystery Lunch war geboren.

 

HRP: Wieso ist es auch für Unternehmen wichtig, Raum für Serendipität zu schaffen?

Drebes: Mit dem digitalen Wandel stehen Unternehmen unter einem extrem hohen Innovationsdruck, denn neue Technologien verändern die Wirtschaft und den Wettbewerb radikal. Diese Veränderung geht schneller vor sich als jeder andere Prozess in der Geschichte der Menschheit. Gerade etablierte Unternehmen, ob solider Mittelständler oder DAX-Konzern, sind unbedingt darauf angewiesen, sich selbst laufend zu verändern und neue Technologien in kürzester Zeit zu entwickeln. Gleichzeitig ist die Digitalisierung kein Sprint, sondern ein langfristiges Thema. Es ist entscheidend, sich kontinuierlich mit neuen Dingen zu beschäftigen. Klassische Forschung und Entwicklung wird dabei nicht immer zielführend und ausreichend sein. Innovation und Produktentwicklung ohne überraschende Entdeckungen ist heute in vielen Bereichen fast unmöglich.

 

HRP: Wie können Human Resources Abteilungen dies fördern?

Drebes: Innovationen und große Ideen entstehen meist nicht von heute auf morgen, sondern langsam und in kleinen Etappen – sie unterliegen quasi einer Inkubationszeit. Die dem zugrunde liegenden Prozesse haben wesentlich mehr mit Menschen zu tun hat als mit Software oder mit Produkten. Es  geht zum einen darum, Raum für Kreativität zu schaffen – und zwar sowohl konkret physisch als auch im Hinblick auf die Zeit, in der an neuen Themen gearbeitet werden darf. Zum anderen braucht es mehr Verbindungen zwischen Kollegen um verschiedene Perspektiven zu „mischen“ und neue Blickwinkel und Ideen zu erzeugen. Außerdem müssen auch vermeintlich „kleine Mitarbeiter“ ermutigt werden, ihre Ideen in die Waagschale zu werfen, statt sie für sich zu behalten. Die Human Resources Abteilung hat jeweils eine federführende Rolle inne. Es liegt an ihr, Strukturen und personelle Ressourcen aufzubauen, die den glücklichen Zufall ermöglichen, und gleichzeitig Plattformen anzubieten, die Vernetzung und Wissensaustausch fördern. HR Spezialisten waren somit noch nie so wichtig wie heute.

 

HRP: Wie lässt sich in der Praxis Raum für Kreativität und Vernetzung in Unternehmen schaffen?

Drebes: Was während der Aufklärung die Kaffeehäuser waren – nämlich Ideenküchen, wo Akteure aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenkamen – wird heute auf digitale Plattformen verlagert. Der persönliche Kontakt darf aber nicht verloren gehen. Unternehmen tun daher gut daran, Communities anzubieten, die ein Miteinander im echten Leben fördern. Gemeinsam neue Ideen entwickeln – das kann ganz unerwartet beim Mystery Lunch mit einem Kollegen geschehen, den man vielleicht vorher gar nicht kannte. Im nächsten Schritt können abteilungsübergreifende Projekte folgen. Neben der Vernetzung sollten zum Beispiel reale Kreativräume angeboten werden. Das können auch ansprechend eingerichtete Kaffeeküchen sein.

 

HRP: Ist das ein Modell für Unternehmen aller Größen, oder gibt es verschiedene Modelle für Konzerne, KMUs und Start-ups?

Drebes: Vernetzung, Kreativität und Know-how-Transfer sind für Unternehmen jeder Größe von entscheidender Bedeutung. Nur gestaltet sich dies alles in einem Start-up anders als in einem Konzern: Die Kollegen kennen sich, haben kurze Wege. Wenn ein Mitarbeiter an einem Projekt arbeitet und Ideen sucht, fragt er mal eben rum, wer Zeit hat für ein Brainstorming. In Konzernen werden die Dinge dagegen von langer Hand geplant. Kollegen aus verschiedenen Abteilungen kennen sich häufig kaum. Daher werden erstmal Ansätze benötigt, die mehr Start-up-Mentalität möglich machen. Viele große Unternehmen wissen um die Problematik und suchen nach Lösungen. Statischer ist die Situation häufig bei Mittelständlern: Hier kennen sich die Leute zwar vielleicht auch über Abteilungsgrenzen hinweg. Aber sie kommen in vielen Fällen gar nicht auf die Idee, mal gemeinsam an etwas zu arbeiten. Wo Ideenlosigkeit vorherrscht, braucht es HR-Abteilungen, die neue Impulse geben.

 

HRP: Was könnten konkrete Verbesserungen sein, die durch Serendipität geschaffen werden?

Drebes: Wenn wir auf das Ende schauen, sehen wir, dass der „Faktor Zufall“ die Innovationsfähigkeit erhöht und der Output im Hinblick auf Produkte oder Leistungen verbessert wird. Mindestens genauso interessant ist es aber, das Ganze sozusagen von oben zu betrachten: Serendipität, das hat zu tun mit dem Abbau von Silodenken. Mit Kommunikation auf Augenhöhe, und zwar über verschiedene Hierarchiebenen hinweg. Im Idealfall werden Hierarchien abgebaut oder neu strukturiert. Daraus resultiert eine veränderte Unternehmenskultur – weniger Krankheitstage, weniger gefühlter Stress bei den Mitarbeitern, dafür mehr Engagement und ein besseres Gefühl bei der Arbeit sind die Folge.

 

HRP: Was ist der Ansporn für Mitarbeiter, offen für Serendipität zu sein?

Drebes: Zuerst mal macht das Leben einfach mehr Spaß, wenn man offen ist für Neues. Wer Neugierde mit in den Alltag nimmt, ist glücklicher. Und etwas zu entdecken, wonach man vielleicht gar nicht gesucht hat, ist ein echtes Aha-Erlebnis. Letztlich kann der glückliche Zufall aber auch die Karriere voranbringen: Wer neue Ideen in die Firma bringt, steigert seinen Marktwert erheblich. Das müssen auch nicht immer die ganz großen Innovationen sein. Auch ein Anstoß zu effizienteren Prozessen kann beispielsweise auf Serendipität beruhen.

 

HRP: Haben Sie konkrete Beispiele für Unternehmen oder Projekte, bei denen sich solch ein Modell schon als erfolgreich erwiesen hat?

Drebes: Die großen, vorhin genannten Innovationen, die aus Serendipität resultieren, kennen wir vor allem aus der Forschung. Aber auch immer mehr Unternehmen profitieren von besserer Vernetzung. Ein Beispiel ist die Barmenia Versicherung: Diese hat Mystery Lunch eingeführt und somit eine Grundlage geschaffen, dass Mitarbeiter neue Einblicke ins eigene Unternehmen erhalten. Selbst langjährige Mitarbeiter und Führungskräfte konnten neue Eindrücke gewinnen. Das führt zu einem besseren Verständnis, unter anderem darüber, wie Prozesse in anderen Unternehmensbereichen organisiert sind – und warum das so ist. Das Verständnis zwischen Kollegen wird somit erleichtert, was im komplexen Alltag einer Versicherung immens hilft.

  

Über den Interviewpartner

Christoph Drebes ist Geschäftsführer von Mystery Lunch. Die innovative Softwarelösung nutzt einen intelligenten Algorithmus, um per Zufallsprinzip Kollegen aus unterschiedlichen Abteilungen eines Unternehmens bei einem Mittagessen, Kaffee oder virtuell zu vernetzen. Mystery Lunch kombiniert damit die physischen und digitalen Elemente einer modernen Arbeitsumgebung.

Quelle: Mystery Lunch

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