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Wirtschaftswissenschaften: Nur jede vierte Professur ist weltweit mit einer Frau besetzt

Gleichberechtigung am Arbeitsplatz? Auch 2022 ist die deutsche Wirtschaft davon noch weit entfernt. Das zeigte der Equal Pay Day Anfang März (wir berichteten). Und das machen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2020 deutlich, nachdem nur 28 Prozent der Führungspositionen in Deutschland in weiblicher Hand sind. Eine aktuelle Studie der Frankfurter Goethe-Universität in Zusammenarbeit mit der Toulouse School of Economics kommt nun zu dem Ergebnis: Frauen sind überhaupt in vielen akademischen Berufen nach wie vor unterrepräsentiert. Insbesondere in hohen Positionen und an besonders forschungsstarken Hochschulen.

Dass Europa immerhin besser dasteht als die USA, ist vermutlich nur ein kleiner Trost. Fakt ist: Frauen sind in den Wirtschaftswissenschaften auch hierzulande unterrepräsentiert. Dieses Phänomen fällt besonders an forschungsstarken Hochschulen auf. Das Forschungsteam, bestehend aus Prof. Guido Friebel, Alisa Weinberger und Dr. Sascha Wilhelm (alle Goethe-Universität) sowie Prof. Emmanuelle Auriol (Toulouse School of Economics), arbeitete für die Studie mit einen so genannten Web-Scraping-Algorithmus. „Der Algorithmus wird mit Web-Adressen von Hochschulen gefüttert und zieht von dort die Informationen zur Anzahl von Professoren und Nachwuchskräften. Eine Erfassung der ermittelten Personen nach Geschlechtern erfolgt auf Basis von Namen und einer Gesichtserkennungssoftware. Zur Verifizierung bzw. Korrektur der ermittelten Daten wurden sämtliche Institutionen angeschrieben. Der Rücklauf war nahezu komplett, und viele Dekane haben uns für diese Initiative, die durch die European Economic Association unterstützt wurde, beglückwünscht“, so Friebel.

Warum sind Frauen in Wirtschaftswissenschaften unterrepräsentiert?

Die Ursachen, warum Frauen unterrepräsentiert sind, können unterschiedliche Wurzeln haben, so die Studie. Indem man die Zahlen mit bereits vorliegenden statistischen Erkenntnissen korreliert, zeigt sich ein enger Zusammenhang mit in der jeweiligen Gesellschaft vorherrschenden allgemeinen Einstellungen. Die Organisationskultur der jeweiligen Hochschule, institutionelle Regelungen, aber auch das Verhalten der Frauen und Männer in den Wirtschaftswissenschaften sind weitere Faktoren.

Nur 25 Prozent der Professuren sind weltweit mit Frauen besetzt

Insgesamt flossen in die Studie die Daten von 238 Universitäten und Business Schools weltweit ein, die Anzahl der involvierten Personen betrug mehr als 34.000. Die anschließende Analyse ergab, dass in den USA nur 20 Prozent der leitenden Positionen, also Professuren, weiblich besetzt sind. In Europa sind es immerhin 27 Prozent. Weltweit liegt der Durchschnitt bei 25 Prozent. Im Nachwuchsbereich sind an US-amerikanischen Einrichtungen 32 Prozent der Stellen mit Frauen besetzt, in Europa 38 Prozent. Weltweit liegt hier die Quote bei 37 Prozent. Kein Grund für alle europäischen Länder, sich in Sachen Frauenförderung auszuruhen oder gar stolz in die Brust zu werfen: „Die guten Zahlen verdanken sich mal wieder den skandinavischen Ländern, aber auch Spanien, Frankreich und Italien“, erläutert Friebel.

Idee für die Zukunft: Freiwerdende Professuren mit einer anderen Widmung auszuschreiben

Nun wollen Friebel und sein Team herausfinden, wie die Situation möglichst nachhaltig zu ändern wäre. Für Deutschland sieht der Studienleiter einen Grund für die Unterrepräsentanz von Frauen in den Wirtschaftswissenschaften darin, dass freiwerdende Professuren oft mit derselben Widmung wieder ausgeschrieben werden. Und diese Widmung komme eher den Forschungsvorlieben der Männer entgegen. Frauen seien eben seltener in der Makroökonomie oder der Wirtschaftstheorie unterwegs als Männer. Dafür interessierten sie sich eher für Entwicklungsökonomie, Gesundheit, Arbeit, Organisationen – Bereiche, die aufgrund der weltweiten Situation und der gesellschaftlichen Entwicklung ohnehin gestärkt werden müssten. Dies sei in den USA zwar grundsätzlich besser geregelt, weil Professuren dort bei der Stellenausschreibung oft nicht so eng festgelegt seien. Allerdings profitierten die Frauen bislang nicht nennenswert davon.

Nach Ansicht der Autoren sollten die Forschungseinrichtungen ihr Möglichstes tun, um eine faire Bewertung der Bewerberinnen und Bewerber zu gewährleisten, während Mentorenprogramme und eine paritätische Besetzung von Seminaren und Konferenzen dazu beitragen können, die Sichtbarkeit von Frauen zu erhöhen und implizite Vorurteile bei der Auswahl für akademische Stellen zu verringern.

Quelle: Frankfurter Goethe-Universität

Foto: AdobeStock/LIGHTFIELD STUDIOS