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Plädoyer für Regelbrecher

Jedes Unternehmen hat sich eine Strategie gegeben – egal ob verschriftlicht oder in der Praxis einfach nur gelebt. In dieser Strategie wird nicht nur beschrieben, mit welchen konkreten Maßnahmen die Unternehmensziele erreicht werden sollen – vielmehr wird darin auch manifestiert, in welcher unmittelbaren Kultur das Mit- und Füreinander stattfinden soll.

Wie geht man mit den Mitarbeitern um? Welcher Führungsstil wird gelebt? Wie aggressiv verhält man sich gegenüber Lieferanten und der Konkurrenz? An welchen Stellen werden Kosten eingespart, an welchen Stellen nicht? Ist man offen oder geschlossen?

Interessiert sich ein potenzieller Bewerber für ein Unternehmen, so bietet ihm das Internet einen enormen Recherchevor-teil, um an Informationen zu der jeweils gelebten Unternehmenskultur zu gelangen. So können Bewerber mit einer Google Suche sehr schnell herausfinden, wie ein Unternehmen – unabhängig von Imagefilmen und Werbespots – nach außen hin kulturell agiert. Die schillernde, glatte Oberfläche der Werbe- und PR-Welt erfährt durch das Internet erkennbare Lücken, die eine Teiltransparenz dauerhaft ermöglichen. So erfahren wir sehr schnell, dass bei Coca Cola nicht unbedingt immer alle Menschen auf der Welt „happy“ sind oder dass für die Produktion von Apple-Produkte Sicherheitsmaßnahmen vor den Produktionshallen der Zulieferer installiert wurden, um die Selbstmordrate der Fabrikarbeiter einzudämmen.

Nahezu jedes Unternehmen in einer gewissen globalen Größenordnung positioniert sich im Markt zu Lasten anderer auf Kosten der Schwächeren. Hier ist der Konsument ganz besonders aufgefordert, zu handeln. Er muss reagieren. Solange der Käufer die Kultur des Herstellers durch seinen Konsum akzeptiert, wird sich nichts an den Bedingungen ändern. Mit schlechter PR kann ein Unternehmen umgehen, mit ausbleibenden Käufern nicht. So könnte die Insolvenz von Schlecker, neben unternehmerischen strategischen Fehlern, auch anders gedeutet werden. Schlecker hat in den vergangenen Jahren sechs Millionen seiner Kunden verloren. Ursache war vielleicht gerade die glatte Oberfläche des anständigen Kaufmannsladens, mit dem Herr Schlecker einst gestartet ist und die so stark abgeblättert ist. Vielleicht haben viele Kunden tatsächlich daraus die Konsequenz gezogen und sind zum Wettbewerber gewechselt.

Jedenfalls greift die Ausrede „Oh. Das habe ich nicht gewusst“ nicht mehr. Zwar verschwinden auch heute die Schlagzeilen von schlechten Produktionsbedingungen und Ausbeutung von Ressourcen relativ schnell aus den Schlagzeilen der großen Top-Medien. Aber im großen Informationsmoloch Internet werden sie dauerhaft und gut auffindbar abgespeichert und somit schnell wieder sichtbar, sobald man sich etwas umfassender mit einem Unternehmen oder einer Marke beschäftigt.

Es gibt kein klares Schwarz und Weiß. Ein jeder muss für sich selbstentscheiden, für welche Sache und für welche Motivation man seine eigene Leistung zur Verfügung stellt. Aber das Wesentliche ist wohl die eigene Fähigkeit zur Reflektion und der Wille, Dinge auch verändern zu wollen. Unternehmen benötigen daher dringend Regelbrecher, also Menschen, die gewillt sind, die Welt jeden Tag ein wenig zu modifizieren – in dem sie kleine und nachhaltige Veränderungen herbeiführen. Dem Autor ist es persönlich jedenfalls lieber, einen Regelbrecher im Unternehmen zu haben, als 100 unreflektierte Mitläufer, die das alte System unhinterfragt am Laufen halten, nur weil sie der Ansicht sind, ein gesichertes Einkommen zu haben – was ja mittlerweile sowieso ein Trugschluss ist. Früher hat man sich als Arbeitnehmer ein Unternehmen ausgesucht, um möglichst lang dort sein Aus- und Einkommen zu haben. Heute sucht man sich wohl eher ein Unternehmen aus, das man maßgeblich mitgestalten kann und der eigenen persönlichen Philosophie entspricht.

Doch um Regelbrecher zu sein, bedarf es einer starken Persönlichkeit und viel Mutes. Man muss lernen, die Dinge aus ganz vielen verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Man muss lernen, Brücken zu bauen und zwischen den Fronten zu vermitteln. Man muss lernen, sich selbst und die eigenen Taten und das eigene Denken zu hinterfragen. Man muss lernen auch mal „nein“ zu sagen oder für etwas vehement zu kämpfen und klar Stellung zu beziehen. Man muss lernen, Anderen zuzuhören und ihre Interessen zu verstehen. Oder, um es abzukürzen: Man muss sich und seine Persönlichkeit bilden und diese Entwicklung an sich als hohes Gut bewahren und verteidigen.

Brenzlig wird es in Unternehmen immer dann, wenn Mitarbeiter offensichtliche Dummheiten aus Angst, die eigene Position zu verlieren, abnicken.

 

Quelle: Concludis

 

(Foto: © Trüffelpix/Fotolia.com)