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„Personaler sollten sich von anderen Disziplinen inspirieren lassen“

Interview mit Nils Kreyenhagen, Gründer und COO von Smartjobr

HRP: Es ist unbestritten, dass sich in der Arbeitswelt momentan viel verändert. Was sind für Sie die größten Änderungen?

Nils Kreyenhagen: An erster Stelle ganz klar die Digitalisierung. Dann Flexibilisierung (Viertagewoche, Remote, Homeoffice, freie Zeiteinteilung), neue Organisationsmodelle (agil, projektbasiert, Holocracy bzw. mehr Mitbestimmung der Mitarbeiter) und eine andere Art der Führung: mehr Selbstverantwortung, weniger top-down.

HRP: Welche Trends sehen Sie für 2018 insbesondere fürs Recruiting?

Kreyenhagen: Software-Einsatz, neue Plattformen und Big Data nehmen zu. All das hat aber die HR-Abteilungen noch nicht richtig erreicht. Wir stehen ganz am Anfang. Bewerben wird (hoffentlich) einfacher und mobiler. One-Click-Bewerbungen nur mit dem XING- oder LinkedIn-Profil. Active Sourcing wird weiter zunehmen, der Kampf um Talente wird härter. In Deutschland ist XING sehr stark, und es geht noch erstaunlich viel über Headhunter und Personaldienstleister. Grundsätzlich läuft Deutschland der Musik hinterher.

HRP: Die Digitalisierung macht Recruiting und Personalmanagement komplexer. Wie können Personaler diesen Veränderungen begegnen?

Kreyenhagen: Das sehe ich anders. Es gibt sehr spannende und hilfreiche Tools, die das Arbeiten erleichtern. Dabei den Überblick zu behalten, macht es sicherlich komplexer. Man muss sich darauf einlassen. Das Go des Vorgesetzten oder Bereichsleiters ist die Grundvoraussetzung. Manchmal werden die HR-Manager/innen da ziemlich ausgebremst. Mein Tipp an Personaler: sich der digitalen Transformation stellen, mit den Dingen persönlich (auch privat) befassen und sich von anderen Disziplinen wie Marketing und Softwareentwicklung inspirieren lassen. In Kombination mit Maßnahmen wie Trainings, Coachings und vor allem Austausch und Netzwerk kann es dann klappen. Unternehmen dürfen bei der digitalen Transformation die HR-Abteilung nicht vergessen.

HRP: Was machen Unternehmen Ihrer Erfahrung nach im Recruitingprozess oftmals falsch?

Kreyenhagen: Aufgrund veralteter Technologien und interner Kommunikation sind die Prozesse oft zu langsam. Das fängt beim Bewerbungsmanagement an und zieht sich dann im Candidate-Relationship-Management komplett durch. Bei der Personalauswahl und -entscheidung wird zu sehr auf den Lebenslauf geschaut und im Checkbox-Prinzip abgehakt. Wie heißt es so schön: hire for attitude, train for skills. Die Berufs- und Branchenerfahrung wird zu hoch gehängt, Interviews zu unkreativ oder zu oberflächlich geführt. Meistens setzt sich das Sicherheitsdenken durch und es wird der Kandidat genommen, der schon bei Wettbewerber xyz war. Scheitern, Brüche und Pausen werden vorschnell zu kritisch gesehen.

HRP: Mit den aufstrebenden, jungen Generationen sowie vielen individuellen Lebenssituationen wird der Wunsch nach flexiblem Arbeiten immer wichtiger. Warum und für wen kann das Arbeitsmodell Freelancer passend sein?

Kreyenhagen: Es wird zwangsläufig aufgrund der genannten Entwicklungen für jedes Unternehmen relevanter bzw. ist es heute schon im Kreativ- und Digital-Bereich völlig branchenunabhängig. Bei Firmen wie der Telekom-Tochter T-Systems oder VW sind IT-Freelancer absoluter Standard. Bei Agenturen, Medienunternehmen, Verlagen, etc. sind freie Kreative seit Jahren gar nicht mehr wegzudenken. Unternehmen haben durch Freelancer einen weiteren Zugang zum wichtigen Talentmarkt. So viele Unternehmen suchen aktuell Programmierer, Experten für E-Commerce oder digitales Marketing. Der Bedarf ist unmöglich nur über Festangestellte zu stillen. Bestimmte Skills sind ausschließlich auf dem freien Projekt-Markt zu finden und im Unternehmen teilweise nur temporär gefragt. Da sind Freelancer die beste Lösung. Freelancer und Startups passen wunderbar zusammen, weil Startups hinsichtlich ihrer unklaren Personalplanung sehr schnell reagieren müssen.

HRP: Vielen Dank für das Gespräch.