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Utopien: Unmögliches möglich machen

Der Freistaat Bayern zeichnet seit einigen Jahren Unternehmen für ihre Familienfreundlichkeit aus. Auf der Seite www.familienpakt-bayern.de finden sich die aktuellen und die früheren Gewinner. Hierbei geht es einfach um gute Personalpolitik, die Utopien wahr werden lässt.

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Frau und Mann halten Waage: Leben, Arbeit
Foto: ©AdobeStock/Andrey Popov

Inzwischen vergeht keine Woche, ohne dass wir über das Thema Vier-Tage-Woche (4:3) stolpern. Es spiegelt den Zeitgeist und das Bedürfnis nach mehr eigener Lebenszeit wider. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung wollen 81 Prozent der Beschäftigten kürzer arbeiten. Und 75 Prozent wollen dabei nicht weniger verdienen. Und wem diese Zahlen zu gewerkschaftsnah erscheinen, der kann einen Blick in den kürzlich erschienen Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin werfen.

Dort steht, dass knapp die Hälfte der Menschen in Deutschland von mehr Freizeit träumen und weniger als fünf Tage pro Woche arbeiten möchten. Die Diskussion ist in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Handwerksbetriebe haben längst begonnen, die 4:3 zu praktizieren. Dabei haben die einen MitarbeiterInnen montags frei und die anderen am Freitag.

Bei der Jobbörse Indeed gibt es ca. 6.000 Stellenangebote, die mit 4:3 werben. In den letzten fünf Jahren hat sich das Angebot an derartigen Stellen verzehnfacht. Und 33 mal so viele Menschen suchen heute nach solchen Stellen. Die Botschaft der IG Metall lautet: „Die Vier-Tage-Woche ist von den Beschäftigten gewünscht, finanzierbar und gesellschaftlich sinnvoll.“ Und bei der Tarifrunde im Herbst setzt die IG Metall auch auf dieses Thema. Heribert Prantl schrieb darüber in der SZ vom 21./22. Mai diesen Jahres: „Mit der Forderung nach der 4:3-Woche füttern die Gewerkschaften die Tarifmaschinerie mit neuen Gedanken: Sie mobilisieren das gesellschaftliche Nachdenken über Arbeit und Leben generell. Sie fechten nicht mehr nur, wie seit Jahrzehnten gewohnt, um ein bisschen mehr (Lohn) hier und ein bisschen weniger (Arbeitszeit) da; es geht um etwas grundsätzlich anderes: nicht nur um bessere Arbeitsbedingungen, sondern um bessere Lebensbedingungen.“

Und wer sich umhört, kann erfahren, dass verschiedene Branchen wie die Hotellerie, die Produktion, das Handwerk, der Einzelhandel und die ambulante Pflege schon funktionierende Modelle praktizieren. Die Arbeitgeber sind zufrieden. Das Modell kostet zwar mehr, aber es rechnet sich trotzdem. Die Attraktivität dieser Betriebe steigt. Fachkräftemangel Fehlanzeige. Die Fehlzeiten sinken, die Motivation und die Produktivität steigen.

Eine Auswertung der Universität Bielefeld von 15 Studien zum Thema hat ergeben, dass sich kürzere Arbeitszeiten positiv auf die psychische Gesundheit auswirken. Bernd Fitzenberger, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, glaubt, dass Menschen die derzeit in Teilzeit arbeiten, wieder auf Vollzeit aufstocken. Die Politik plant keine gesetzliche Regelung für 4:3. Es bleibt der Durchsetzungsmacht der Arbeitnehmer und der Einsicht der Arbeitgeber überlassen, ob 4:3 oder ein X-Tage-Modell zum Standard wird oder für viele Utopie bleibt.

Familienfreundliche Unternehmen ausgezeichnet

Der Freistaat Bayern zeichnet seit einigen Jahren Unternehmen für ihre Familienfreundlichkeit aus. Auf der Seite www.familienpakt-bayern.de finden sich die aktuellen und die früheren Gewinner. Hierbei geht es einfach um gute Personalpolitik, die Utopien wahr werden lässt. Die Minitüb GmbH aus Tiefenbach im Landkreis Landshut hat bei 145 Beschäftigten 52 verschiedene Arbeitszeitmodelle. Der Pflegedienstleister  CeTa – Pflege mit Liebe aus Moosbach im Landkreis Neustadt an der Waldnaab richtet seinen Dienstplan komplett nach den Bedürfnissen der MitarbeiterInnen aus. Es gibt sogar eine eigene Pflegekraft, falls die Kinder doch mal krank sind.

Die m&i-Fachklinik in Ichenhausen im Landkreis Günzburg praktiziert und lebt den Wunschdienstplan. Auch die Brückner Haustechnik im unterfränkischen Erlbach setzt auf die individuelle Flexibilität der Mitarbeiter. Die Devise des Unternehmens lautet: „Der Erfolg des Unternehmens beginnt zu Hause.“ Jeder soll seine optimale Arbeitszeit für seine Lebensphase finden. e-koris ein Handwerksbetrieb aus Friedberg praktiziert die Vier-Tage-Woche. Die Kunden haben sich schnell dran gewöhnt, die Mitarbeiter vergeuden weniger Zeit. Das Unternehmen spart Sprit, da die Autos einen Tag weniger fahren. Und die Firma IWIS aus München feiert in diesen Tagen das fünfzigjährige Bestehen seines Kindergartens mit Kindergrippe.

Die Arbeitszeit muss erfasst werden, alles andere bleibt Utopie

Das Urteil des EuGH fiel am 15.05.2019. Das BAG hat am 13.09.2022 dieses Urteil bestätigt. Der Arbeitgeber muss die Arbeitszeiten aller Beschäftigten erfassen, einschließlich Überstunden und Pausen. Seit Mitte April 2023 liegt nun ein erster Gesetzentwurf zur Einführung einer allgemeinen Pflicht zur elektronischen Zeiterfassung vor. Er beschränkt sich auf die Umsetzung der gerichtlichen Vorgaben. Wer einen „großen Wurf“ erwartet hatte, wurde enttäuscht. Angesichts der existierenden zeitwirtschaftlichen Lösungen und den digitalen Möglichkeiten dürfte das nun bald folgende Gesetz keine unüberwindlichen Hürden bringen. Die wahren Herausforderungen heißen 4:3 oder X-Tage.

Mit der Erfindung der Gleitzeit, der Entwicklung von Zeiterfassungssystemen und der jahrzehntelangen Praxis der Flexibilisierung der Arbeitszeit hat Deutschland gute Erfahrungen gemacht und international Maßstäbe gesetzt. Deutschland steckt in keiner Krise. Das Land befindet sich in einer Transformation, aus der es gestärkt hervorgehen wird, wenn es den Unternehmen gelingt, die Mitarbeiter für sich zu begeistern. Die Menschen können und wollen arbeiten. Nur beim wie und was, wollen sie gern mehr mitreden und mitgestalten.

Franz Langecker

Franz Langecker

Chefredakteur HR Performance

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