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Mehr Zeit fürs Wesentliche

Ist Ihnen dieser Satz letzte Woche in Ihrer Tageszeitung aufgefallen? Am Donnerstag, den 30.06., begegnete mir im Kölner Stadt-Anzeiger und in der Süddeutschen Zeitung eine gelbe ganzseitige Anzeige mit Bild und der obigen Headline.

3 Min. Lesezeit
Franz Langecker

Ist Ihnen dieser Satz letzte Woche in Ihrer Tageszeitung aufgefallen? Am Donnerstag, den 30.06., begegnete mir im Kölner Stadt-Anzeiger und in der Süddeutschen Zeitung eine gelbe ganzseitige Anzeige mit Bild und der obigen Headline. Dabei handelte es sich wohl um eine bundesweite Werbekampagne eines bekannten HR-Unternehmens mit dem Plädoyer für HR-Technologie, die jetzt auch kleinen und mittelständischen Unternehmen zugänglich ist. Eine Botschaft, die früher nur in HR-Fachmedien verkündet wurde, gilt jetzt für uns alle.

Der Blick auf diese Anzeigen löste in mir ein Déjà-vu-Erlebnis aus. Vor 35 Jahren bereiteten Dr. Werner Fröhlich und ich das Werbemedium für den Relaunch der „Gelben Zeitschrift“ Personalwirtschaft vor. Das ursprünglich arbeitsrechtlich ausgerichtete Fachmedium sollte zukünftig für das Personal-Management Flagge zeigen. In vielen Unternehmen war damals die Personalarbeit eher ein Nischenthema. Die Personalleiter waren in der Regel Arbeitsrechtler. Themen wie IT und Führung lagen ihnen fern. Im Editorial des damaligen Werbeflyers schrieb Werner Fröhlich als Chefredakteur: „Zweifellos stehen wir heute vor einer strukturellen Evolution im gesamten Personalbereich. Die Zeiten, in denen Mitarbeiter lediglich verwaltet wurden, gehören der Vergangenheit an. Technischer Fortschritt, Verstärkung des Dienstleistungssektors und Wertewandel in der Gesellschaft erfordern eine noch stärkere Konzentration auf die Personalarbeit. Ein Blick in erfolgreiche Unternehmen zeigt: Die Leistungsfähigkeit wird immer stärker durch die Qualifikation und das Entwicklungspotential der Mitarbeiter bestimmt.“ Diese Botschaft klingt fast zeitlos. Damals träumten wir davon, dass das Personal-Management eines Tages ein „People-Thema“ wird. Heute füllt es Tageszeitungen, die Köpfe und Herzen der Menschen. Und wie ein gelber Faden zieht sich durch all die Jahre das Thema „Fachkräftesuche“.

Mehr Zeit für das Wesentliche durch die Digitalisierung

Ein weiterer gelber Faden, der sich durch die letzten 35 Jahre zieht, ist die Digitalisierung der Personalarbeit. Sie schuf neue Strukturen und Möglichkeiten. Die Personalabteilung ist damit präsenter, potenter und effizienter geworden. Ihrem Wunsch, den Mitarbeiter in den Mittelpunkt zu stellen, läuft sie aber immer noch hinterher. Denn auch die Menschen, ihre Vorstellungen und die Bedingungen haben sich gewandelt. Das Ganze erinnert an den Wettlauf zwischen Hase und Igel. Immer wenn der Hase das Ziel erreicht, ist der Igel schon da. Zurecht lohnt sich die Überlegung, ob der Hase nicht noch schneller laufen und effizienter agieren könnte, um Sieger zu werden. Viele haben das versucht. Nach 35 Jahren als HR-Redakteur möchte ich diesen Weg als Holzweg klassifizieren. Mit den Konzepten der Vergangenheit können wir die Herausforderungen der Zukunft nicht mehr meistern. Umdenken ist angesagt.

Unternehmen müssen sich am Menschen orientieren und nicht umgekehrt

Die Pandemie und der Fachkräftemangel erhöhen den Druck. Seit Jahrzehnten bemühen sich nicht nur die HR-Redakteur*innen, sondern auch Personalverantwortliche, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Da trifft uns eine Pandemie und sogleich beginnen Fluggesellschaften und Flughäfen mit viel Geld, sich von ihren Fachkräften – dem Kostenblock Personal – zu trennen. Obwohl alle wussten, dass auch wieder andere Zeiten kommen. Das Potenzial und die Fähigkeiten dieser Menschen zählten wenig. Wenn Personalarbeit nur der Kostenoptimierung allein dient, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit.

Fachleute warnen seit Jahrzehnten vor dem demografischen Wandel. Heute stecken wir bereits mittendrin und nehmen uns gegenseitig die guten Mitarbeiter weg. Es sieht so aus, als würden wir mit dem Konzept, noch effizienter zu arbeiten, nur die Fahrt an die Wand beschleunigen. Seelische Erkrankungen verursachen 34 Prozent mehr Fehltage als noch vor zehn Jahren, meldete die Krankenkasse DAK-Gesundheit vor Kurzem nach einer Auswertung ihrer Daten im Gesundheitsreport 2022. Psychische Erkrankungen, wie Depressionen oder Ängste sind demnach insgesamt die zweithäufigsten Ursachen für eine Krankschreibung. Und seelische Erkrankungen können auch körperliche Folgen haben, betont die DAK. Dabei wird das Risiko für Herzinfarkte unterschätzt. Dazu passen auch die Ergebnisse einer aktuellen DGB-Studie (SZ vom 4. Juli 2022). Darin geht es um die Schattenseiten des Homeoffice. Fazit: „Wer daheim arbeitet, hat mehr Stress.“ Wenn dann im Herbst die Heizkosten betriebstechnisch massiv zu Buche schlagen, werden Unternehmen die Parole ausgeben: „Zuhause wird eh geheizt, dann können die Büros auch kalt bleiben.“

Trotzdem können wir Zuversicht ausstrahlen. Als Joschka Fischer 1985 in Schlabber-Sakko, Jeans und Turnschuhen den Amtseid als neuer Umweltminister in Hessen ablegte, ging ein Beben durch die politische Landschaft. Als Toni Hofreiter vor einigen Tagen mit seinem 15 Monate alten Sohn auf dem Schoß den EU-Ausschuss des Bundestages leitete, erntete er überwiegend Beifall. Es geht auch anders. Es lohnt sich, das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren. Das sollten Sie bestimmen.

Franz Langecker, Chefredakteur HR Performance

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