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Wundermittel 4-Tage-Woche? : Interview mit dem Arbeitszeitexperten Guido Zander

Wir haben mit dem Arbeitszeitexperten Guido Zander über den Hype um die 4-Tage-Woche gesprochen, die vielfach (zu Unrecht) als Wundermittel angesehen wird, über alternative Arbeitszeitmodelle und warum eine Erhöhung der Arbeitszeit auf Basis einer 40-Stunden-Woche eher kontraproduktiv ist.

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4-Tage-Woche
Foto: ©AdobeStock/Business Image

HRP: Warum gibt es so einen Hype um die 4-Tage-Woche? Und warum hilft eine pauschale Einführung nicht weiter?

Guido Zander: Der Arbeitsdruck nimmt ständig zu, die Geschwindigkeit erhöht sich, sodass sich viele eine Entlastung wünschen. Gleichzeitig suggerieren Studien, dass das für alle Beteiligten verlustfrei umzusetzen ist. Aber leider können die Studien nicht ohne weiteres übertragen werden und jedes Unternehmen hat individuelle Voraussetzungen, die die Umsetzung einer 4-Tage-Woche leichter ermöglichen oder auch nicht. Und dann ist ja nicht jede 4-Tage-Woche gleich. Die meisten wünschen sich eine 4-Tage-Woche bei 32 Stunden mit vollem Lohnausgleich. Die meisten in der Praxis umgesetzten 4-Tage-Wochen haben aber eine Wochenarbeitszeit von 36 Stunden und mehr auf 4 Tage umverteilt. Im ungünstigsten Fall hat man dann zwar einen Tag frei, dafür aber 4 Tage Stress.  Weil das in sich so komplex und vielfältig ist, habe ich darüber mein Buch „Wundermittel 4-Tage-Woche? Chancen, Risiken, Grenzen und flexible Alternativen“ geschrieben. Wer mehr Details dazu wissen will, wird hier fündig werden.

HRP: Kennen Sie gelungene Beispiele für Arbeitszeitmodelle, die sowohl Arbeitgebende als auch Arbeitnehmende größtenteils zufriedenstellen?

Zander: Die Basis für gelungene Arbeitszeitmodelle ist Flexibilität und Wahlfreiheit. Die Arbeitnehmenden sollten je nach Lebensphase zwischen verschiedenen Modellen mit unterschiedlichen Wochenarbeitszeiten und Flexibilitätsgraden wählen können. In manchen Lebensphasen möchte man ggf. mehr verdienen und länger arbeiten, in anderen legt man mehr Wert auf Freizeit. Und es muss ja nicht gleich die 4-Tagee-Woche sein. Gegebenenfalls reicht auch eine 4,5-Tage Woche. Gerade Betrieben mit schwankenden Auftragslagen kann das sehr gut helfen. Wenn viel zu tun ist, arbeitet man 5 Tage, bei Flaute nur 4 Tage. Das bedeutet für den Betrieb viel Flexibilität, die Vermeidung von Leerstunden, also Anwesenheit, die aber nicht benötigt wird und gibt den Mitarbeitenden bis zu 23 zusätzlich freie Tage. Das ist doch auch schon was, oder?

HRP: Die aktuellen Diskussionen sind vielseitig über Wege, Produktivität zu erhöhen und Wohlstand zu sichern. Wie viel kann eine Erhöhung der Arbeitszeit, insbesondere von Teilzeitkräften, dazu beitragen?

Zander: Die Erhöhung von Arbeitszeit auf Basis einer 40-Stunden-Woche ist eher kontraproduktiv. Gerade in Schichtbetrieben oder bei körperlich schweren Arbeiten würde die steigende Krankenquote die zusätzliche Kapazität auffressen. Außerdem steigt das Risiko für Leerstunden, weil die Leute, wenn wenig zu tun ist, nicht nach Hause gehen, weil sie Angst haben, das dann in anderen Wochen zusätzlich zu den 42 Stunden nachholen zu müssen. Bei Teilzeit kann das ein Weg sein, das kann aber nicht erzwungen werden, wie es kürzlich Michael Kretschmer mit der Abschaffung des Rechts auf Teilzeit vorgeschlagen hat. Die meisten Arbeitnehmenden haben gute Gründe für Teilzeit wie beispielsweise Carearbeit. Und es gibt gerade viele Frauen, die mehr arbeiten wollen würden, dies aber aufgrund der begrenzten Kinderbetreuungsmöglichkeiten nicht können. Aus meiner Sicht kann die Arbeitszeit nicht über Verbote, sondern über Anreize ausgeweitet werden, wie mehr Kitaplätze, steuerliche Anreize, auch nach dem Rentenalter weiter zu arbeiten etc.

HRP: Herr Zander, vielen Dank für das interessante Interview.

Guido Zander

Arbeitszeitexperte und Autor Guido Zander

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