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Arbeitswelt auf Crashkurs

Die Beatles waren nur vier Personen. Aber die Band und ihre Lieder eroberten die Welt. Millionen Ameisen bilden eine funktionierende Gesellschaft. Wenn der Ameisenbär tausende von Sammlerinnen frisst, springen Soldatinnen oder Brutpfleger in die Bresche und kompensieren den Verlust. Die Gemeinschaft funktioniert nach dem Prinzip der Selbstorganisation, mobilisiert bei Bedarf die Selbstheilungskräfte und sucht immer nach einer Balance.

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Elefant im Porzellanladen
Foto: ©AdobeStock/Victor zastol'skiy

Eigentlich bewegen wir uns ständig in die Zukunft.  Aber wir halten entschlossen an der Vergangenheit fest. Doch die aktuelle Streikwelle fordert Veränderung. Der Druck der Arbeitnehmer nimmt zu. Die Arbeitgeber halten dagegen. Selbst die Medienlandschaft steht auf der Unternehmerseite. Und die Gewerkschaften müssen mit dem Vorwurf fertig werden, die Wirtschaft zu ruinieren. Zweifellos haben beide Seiten recht.

Nach der Pandemie und der krisenbedingten Inflationswelle herrscht scheinbar Ratlosigkeit bei den Tarifparteien. Dabei spüren wir, dass unser derzeitiges System Arbeit an die Wand zu fahren droht. Ohne Wirtschaftswachstum haben die Arbeitgeber keinen Verteilspielraum. Und ohne signifikante Lohnerhöhungen geraten viele Arbeitnehmer in existentielle Schwierigkeiten. Der Ruf nach mehr Arbeitszeit und -einsatz verhallt. Laut Aussagen der Veranstalter der Messe „Zukunft Personal Süd“, die Anfang diesen Monats in Stuttgart stattfand, beherrschte das Thema „Work-Life-Balance“ die beiden Messetage. Das zeigt, eine Rückkehr in die alten Arbeitsmodelle scheint unmöglich.

Bewegt sich die Arbeitswelt auf einen Kipppunkt zu?

Aus der Klimadiskussion kennen wir das Thema Kipppunkt. Es ist der kritische Grenzwert, bei dem eine kleine zusätzliche Störung zu einer qualitativen Veränderung im System führen kann. Es gibt dann auch keine Rückkehr mehr ins alte System. Die Arbeit hat sich verändert. Das Gros der Beschäftigten ist heute bestens qualifiziert. Die neuen Technologien brachten große Effizienzgewinne. Möglicherweise verhindert das alte System Arbeit die Chancen für eine bessere Wertschöpfung, von der wir alle profitieren könnten. Die Vergleiche mit früheren Zeiten helfen uns in dieser Phase der Polykrisen weder in der Politik noch in der Wirtschaft weiter.

Statt sich permanent gegenseitig aufzuheizen, sollten wir alle gemeinsam neue Wege im System Arbeit suchen, die beiden Seiten gerecht werden. Wo sind eigentlich die Wirtschafts- und Forschungsinstitutionen, die neue Formate und Lösungen für die drängenden Fragen entwickeln? Wie kann das System Arbeit und Wirtschaft in Zukunft aussehen, das den Ansprüchen beider Seiten gerecht wird?  Das Arbeitsmodell des Industriezeitalters funktioniert nicht mehr effizient in unserer Wissensgesellschaft.

Emergenz als Chance

Laut Wikipedia steht Emergenz für die Möglichkeit der Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente. In einer Sendung auf 3sat am 7. März nannte der Moderator Gerd Scobel die Emergenz auch: „Das verborgene Prinzip des Lebens“. Wir reden zwar gern von Teams, aber in Wirklichkeit dominiert überall der Individualismus. Der italienische Physiknobelpreisträger (2021) Giorgio Parisi kritisierte einmal unsere Fokussierung auf Ziegelsteine. Dabei geht es doch um die Architektur. Weil der Druck auf die Individuen so groß geworden ist, kippt das System. Was nützen uns die besten Fußballer in der Nationalmannschaft, wenn der Mehrwert des Teams fehlt?

Die Beatles waren nur vier Personen. Aber die Band und ihre Lieder eroberten die Welt. Millionen Ameisen bilden eine funktionierende Gesellschaft. Wenn der Ameisenbär tausende von Sammlerinnen frisst, springen Soldatinnen oder Brutpfleger in die Bresche und kompensieren den Verlust. Die Gemeinschaft funktioniert nach dem Prinzip der Selbstorganisation, mobilisiert bei Bedarf die Selbstheilungskräfte und sucht immer nach einer Balance. Vielleicht kann uns die Emergenz, das Prinzip des Lebens, helfen, neue Wege in der Arbeitswelt zu gehen. Denn nicht nur unsere Arbeitswelt ist in viele Teilinteressen zerfallen. Auch die Politik und die Gesellschaft leiden unter den vielen „Recht haben Wollenden“.

Wenn wir die Aufmerksamkeit vom Teil wieder auf das Ganze, auf die Netzwerke richten, finden wir gemeinsam auch neue Wege und Lösungen. Der Mehrwert liegt tatsächlich im Netzwerk und seinen Fähigkeiten, Unvorhersehbares zu meistern. Das Zusammenspiel kann ständig Neues schaffen. Jeder Einzelne ist wichtig.

Aus der Chaostheorie wissen wir, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in China unser Wetter hier beeinflussen kann. Es liegt an uns allen, Systeme zu schaffen, die effizient und robust sind. Die Digitalisierung bietet dabei völlig neue Möglichkeitsräume und Instrumente, um Netzwerkeffekte zu messen und zu optimieren. Sie kann uns Rückkoppelungen geben und zeigen, dass Selbstorganisationen stärker sind als Top-Downsysteme. Das chinesische Zeichen für Krise ist das Gleiche wie für Chance.

Franz Langecker

Franz Langecker

Chefredakteur HR Performance

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