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Glücklich, aber unglücklich

Der Arbeitsmarkt wird weiterhin von den Auswirkungen der Corona-Pandemie geprägt, wie der neue Gallup-Bericht „State of the Global Workplace 2022“ zeigt. Befragt wurden 105.080 Arbeitnehmende in 146 Ländern unter anderem zu den Themen Stress, Lebenszufriedenheit, Arbeitsmarkt und emotionale Bindung. Die Beschäftigten in Europa gehören demnach zu den glücklichsten Menschen der Welt, sind jedoch am unzufriedensten mit der am Arbeitsplatz erlebten Führung. Im internationalen Vergleich kommen Deutschlands Beschäftigte gut durch die Dauerkrise.

Das Stresslevel steigt mit 44 Prozent weltweit auf einen neuen Rekordstand, nachdem es aufgrund der Corona-Krise bereits im Vorjahr so hoch war wie nie zuvor. Verglichen damit scheinen Deutschlands Beschäftigte die Pandemie gut überstanden zu haben: Nur 40 Prozent berichten von Stress. Innerhalb der G7 liegt der Wert bei 46 Prozent.

Im Gegensatz zu Arbeitnehmenden in den anderen Ländern der G7, den bedeutendsten demokratischen Industrienationen der Welt (Deutschland, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Italien, die USA, Kanada und Japan), bejahten nur 40 Prozent der deutschen Beschäftigten die Frage, ob sie am Tag vor der Befragung Stress empfunden haben. In den USA war das bei 52 Prozent und in Italien bei 49 Prozent der Fall. „Wir profitieren in Deutschland von einer Kombination aus weitgehender Arbeitsplatzsicherheit durch das Instrument der Kurzarbeit und einem stabilen Sozial- und Gesundheitssystem", sagt Marco Nink, Director of Research & Analytics EMEA bei Gallup. „Deutsche Beschäftigte brauchen sich um ihre Existenz weniger Sorgen zu machen als die Arbeitnehmenden vieler anderer Länder. Die Homeofficepflicht hat darüber hinaus, zum Beispiel durch Wegfall des täglichen Pendelns, bei vielen den täglichen Stresspegel gesenkt." Mit 39 Prozent liegt Europa jedoch insgesamt deutlich unter dem globalen Durchschnitt, was das Stresslevel betrifft.

Schlusslicht: Europas Beschäftigte haben innerlich gekündigt

Zu einer hohen emotionalen Bindung an den Arbeitgeber trägt das allerdings nicht bei. Trauriger Rekord: Europa verzeichnet hier den weltweit niedrigsten Wert von insgesamt 10 Regionen (Europa: 14 %; weltweit: 21 %, Spitzenreiter USA/Kanada: 33 %). In Deutschland weisen nur 16 Prozent aufgrund der am Arbeitsplatz erlebten Führung eine hohe emotionale Bindung auf, in der Schweiz sind es 11 Prozent und in Österreich 9 Prozent.

Auch in der Gruppe der G7 schneiden die europäischen Länder nicht besonders gut ab. Im Schnitt weisen hier 22 Prozent der Beschäftigten eine hohe emotionale Bindung auf (61 % sind nicht gebunden, 18 % haben innerlich gekündigt). G7-Schlusslichter sind Italien mit 4 Prozent emotional hoch gebundenen Beschäftigten und Japan mit 5 Prozent. Deutschland liegt auf Platz 3.

Der Bericht zeigt, dass emotionale Mitarbeiterbindung einen starken Einfluss auf die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen hat – etwa bei den Kennzahlen für Fluktuation, Produktivität, Sicherheit am Arbeitsplatz (Arbeitsunfälle) und Profitabilität. Nach Berechnungen von Gallup kostet geringe Mitarbeiterbindung die Weltwirtschaft pro Jahr 7,8 Billionen US-Dollar (rund 7,3 Billionen Euro), was 11 Prozent des globalen BIP entspricht. „Mitarbeiterbindung und Wohlbefinden stehen in einer starken Wechselwirkung zueinander. Wie Menschen ihre Arbeit erleben, beeinflusst auch ihr Leben außerhalb der Arbeit. Die erlebte Führung und das Arbeitsumfeld haben eine maßgebliche Auswirkung auf das Gefühl des Gestresstseins, halten aber auch die Lösung für dieses Problem bereit. Wer gute Führung erlebt, ist deutlich entspannter, sowohl am Arbeitsplatz als auch privat – denn Stress wird nicht am Werkstor oder Empfang abgegeben, sondern in der Regel mit nach Hause genommen, wo er sich häufig als negatives Verhalten gegenüber dem privaten sozialen Umfeld zeigt", so Marco Nink.

Situation am Arbeitsmarkt entwickelt sich dynamisch: Fast die Hälfte sagt, es sei eine gute Zeit für einen Arbeitgeberwechsel

Gleichzeitig verstärkt sich die Dynamik am Arbeitsmarkt. Im Schnitt sagen 44 Prozent (+16 %) der befragten europäischen Arbeitnehmenden, dass es eine gute Zeit sei, einen neuen Job zu finden. In Deutschland bestätigen dies sogar 53 Prozent (Österreich: 49 %, Schweiz: 48 %), auch wenn sich die Stimmung gegenüber dem Vorjahr etwas eingetrübt hat. Die Bereitschaft, dafür den Wohnort zu wechseln, ist jedoch sehr gering (Deutschland und Österreich: 11 %, Schweiz: 9 %) und liegt damit sogar unter dem niedrigen europäischen Durchschnitt (14 %, vorletzter Platz im Vergleich mit 10 Regionen; weltweit: 20 %).

„Hier zeigen sich die Folgen des durch die Corona-Pandemie veränderten Arbeitslebens besonders stark", so Marco Nink. „Beschäftigte haben in den vergangenen zwei Jahren gelernt, dass Arbeit nicht notwendigerweise Anwesenheit an einem bestimmten Ort voraussetzt. Sie sind darum weniger denn je bereit, für einen neuen Job persönliche Einbußen in Kauf zu nehmen – und der dynamische Arbeitsmarkt, in dem Fachkräftemangel herrscht und der viele neue Chancen bietet, bestätigt ihre Auffassung. Die Corona-Pandemie hat die Situation nachhaltig zugunsten der Beschäftigten verändert. Das Homeoffice wird bleiben und ein wichtiger Bestandteil für die Arbeitgeberattraktivität sein."

Lebenszufriedenheit sinkt: Deutschland im vorderen Mittelfeld

Zwei Jahre Corona-Pandemie haben sich auch auf die Lebenszufriedenheit ausgewirkt. Befragt nach ihrer Lebenssituation, liegt die Zufriedenheit in Europa mit 47 Prozent (- 5 Prozentpunkte) deutlich unter dem Wert vom letzten Jahr, aber immer noch erheblich über dem globalen Durchschnitt (33 %). Hier schneidet die Schweiz mit 67 Prozent (+/- 0 Prozentpunkte) hervorragend ab, Deutschland (- 3 Prozentpunkte) und Österreich (- 4 Prozentpunkte) landen bei jeweils 56 Prozent. Die weltweiten Spitzenreiter sind allesamt europäische Länder, besonders die skandinavischen Staaten können hier punkten: In Finnland (84 %), Dänemark (78 %), Island (77 %), den Niederlanden (76 %), Schweden (72 %) und Norwegen (68 %) leben die zufriedensten Menschen.

Auch die Zahl derjenigen in Europa, die gut von ihrem derzeitigen Einkommen leben können, ist mit 42 Prozent fast doppelt so hoch wie im Rest der Welt (22 %).

„Zusammenfassend kann man sagen, dass Europa großartig zum Leben ist – aber nicht zum Arbeiten. Während die europäischen Arbeitnehmenden mit ihrem Leben überdurchschnittlich zufrieden sind, sind sie gleichzeitig frustrierter mit der am Arbeitsplatz erlebten Führung und ihrem Arbeitsumfeld als der gesamte Rest der Welt", so Marco Nink.

„Die Welt ist im Wandel, und wir erleben diesen Wandel auch in der Arbeitswelt", resümiert Pa Sinyan, Managing Partner von Gallup in EMEA. „Obwohl Deutschland vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gekommen ist, dürfen sich Unternehmen jetzt nicht zurücklehnen. In einem immer volatileren Arbeitsmarkt und einem sich verschärfenden Wettbewerb um Talente ist fehlende emotionale Bindung ein ernstzunehmendes Risiko, mit dem sich Unternehmen auseinandersetzen müssen, wenn sie dauerhaft wettbewerbsfähig bleiben wollen."

Über den Gallup State of the Global Workplace-Bericht 2022

Für den Gallup State of the Global Workplace 2022-Bericht wurden in 146 Ländern insgesamt 105.080 Beschäftigte befragt, wovon 17.679 Interviews in Europa geführt wurden (38 Länder). Die Interviews wurden telefonisch oder persönlich (mündlich) durchgeführt. Die Auswahl der Befragten erfolgte nach einem Zufallsprinzip. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die Arbeitnehmerschaft im jeweiligen Land.

Über das Beratungsunternehmen Gallup

Gallup ist ein forschungsbasiertes Beratungsunternehmen an der Schnittstelle zwischen Ökonomie und Psychologie. Durch kontinuierliche Forschung in über 150 Ländern und mehr als 85 Jahren Erfahrung in der Verhaltensökonomie verfügt Gallup über ein umfassendes Wissen zu den Einstellungen und Verhaltensweisen von Mitarbeiter:innen, Kund:innen und Lieferant:innen.

Ausführliche Informationen zum Gallup State of the Global Workplace-Bericht 2022 erhalten Sie hier.

Foto: ©AdobeStock/zinkevych