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Funktionieren allein reicht nicht

Seit Monaten schon stehen Unternehmen und Personalabteilungen vor der Frage, wie geht es weiter. Vieles klappt noch oder anders oder auch nicht mehr. Bis jetzt haben wir uns alle gut geschlagen. Unmögliches ist plötzlich zum Alltag geworden. Aber wir sehen auch, das neue Normal ist noch kein Normal. Es ist die Antwort auf die Krise, aber noch nicht die Lösung für die Zukunft. Was haben wir aus den Entwicklungen der zurückliegenden Wochen gelernt? Politiker und Virologen dominieren das Geschehen. Nicht nur die Demokratie, auch wir stehen unter Stress. Wie vor fünf Jahren Angela Merkel gesagt hat: „Wir schaffen das“, so werden wir auch die aktuellen Herausforderungen meistern.

Anhaltender traumatischer Stress

Kurzfristig kommen wir vielleicht damit zurecht, nur auf Sicht zu fahren. Mittelfristig brauchen wir mehr Antworten, Studien und eine Zukunftsperspektive. Viele verdrängen die dramatischen Veränderungen. Sie glauben und hoffen, dass alte Normal in die Zukunft retten zu können. Dabei kann das nicht funktionieren, denn Covid-19 bleibt uns wohl noch lange erhalten. Beispielhaft dafür waren die letzten großen HR-Veranstaltungen im September und Oktober. Kollektives Verdrängen war angesagt. Keiner der Veranstalter stellte Covid-19 und seine Konsequenzen in den Mittelpunkt. Die aktuelle Lage wurde vielfach nur gestreift. Das Gleiche gilt auch für eine Reihe von Veranstaltungen, die noch in diesem Jahr geplant sind. Wenn wir das Thema „People Experience Matters“ ernst nehmen, müssen wir umdenken und umschalten.

Viele Menschen leiden inzwischen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Laut dem HR Berater John Sumser (John@hrexaminer.com) aus den USA ist dort allein die Selbstmordrate in den letzten Monaten um 30 Prozent gestiegen. Er beschäftigt sich intensiv mit den psychischen und mentalen Folgen von Covid-19. Interessant sind auch seine Präsentationen auf Youtube. Wir sind uns einig, dass Schulschließungen den Kindern auf die Dauer nicht zumutbar sind. Dabei ist das erzwungene Homeoffice oder die Perspektivlosigkeit vieler Beschäftigter genauso belastend für die Erwachsenen. Der anhaltende traumatische Stress wird vielerorts verdrängt. Wichtig ist, dass alles weiter funktioniert und die Wirtschaft läuft. Viele alte Regeln machen keinen Sinn mehr. Wir arbeiten anders und das deckt sich nicht mehr mit den alten Stellenbeschreibungen. Die physische Präsenz, das emotionale Erleben, der geistige Austausch, das Spirituelle der Begegnungen, das alles fehlt uns.

Diskriminierungen, Ausschluss und Belästigungen nehmen andere Formen an. Unternehmen und Vorgesetzte entwickeln neue Kontrollformate. Der Kaffeeplausch, das persönliche Gespräch und die Begegnungen fehlen. HR muss diese Themen ganz oben auf die Agenda stellen.

Brauchen wir eine neue Ethik in der Arbeitswelt?

Wer hilft HR, die angesprochenen Herausforderungen zu meistern? Die bestehenden Verbände DGFP und BPM stecken noch im alten Modus. Sie sind derzeit keine große Hilfe für die Mitglieder. Vielleicht spiegelt sich hier auch die Situation vieler Unternehmen wider, die noch voll im Krisenmodus stecken und noch keine Zeit gefunden haben, sich mit den grundsätzlichen Fragen zu beschäftigen. Kein Unternehmen möchte sich gern bei diesen Themen outen.

In welchen Kreisen können sich HR-Verantwortliche über ihre Sorgen austauschen? Wie gehen die betrieblichen Mediziner mit diesen Themen um? Hinzu kommt, dass die Situation Frauen und Männer unterschiedlich trifft. Wie geht es dem Auszubildenden, der im Unternehmen nur virtuell präsent ist? Wer schützt die Generation Babyboomer vor dem digitalen Burnout? Wie klappt der Start in einem neuen Unternehmen? Was heißt das zukünftig für die Organisation? Für viele verändert das die Arbeit grundlegend. Eigentlich bräuchten wir dafür eine HR-Plattform, die die Fragen, die Erfahrungen, den Austausch, die Antworten, die Lösungen, die Produkte und die Services bündelt. Das Ganze könnte global angelegt und KI unterstützt sein. Es betrifft uns alle und wir könnten viel schneller voneinander und miteinander lernen, die Herausforderungen zu meistern, um eine neue Ethik der Arbeit zu etablieren.

 

Franz Langecker
Chefredakteur der HR Performance