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„Einfach nur Punktesysteme für jegliches Lernen zu nutzen, ist eher kontraproduktiv“

 

HRP: Welche E-Learning-Trends nehmen Sie in letzter Zeit verstärkt wahr?

Thomas Jenewein: Wir benutzen mittlerweile den weiterentwickelten Begriff des digital unterstützten Lernens, was den Trend des bedarfsorientierten und handlungsrelevanten Lernens adäquat unterstützt. Das „E“ ist also nicht mehr im Mittelpunkt. Primäre Faktoren sind hier die zunehmende Vernetzung und der Anspruch an einfache Lernzugänge. Dieser Trend wird nicht zuletzt durch den Wandel und die Komplexität der Arbeitswelt vorangetrieben. Mittlerweile reichen Berufsausbildung plus Studium und zwei Schulungen im Jahr nicht mehr aus, um beruflich auf dem Laufenden zu bleiben.

Auch die Lernmethoden passen sich zunehmend diesem Wandel an. Beim Microlearning stehen kleine Lerneinheiten in Verbindung mit dem Einsatz verschiedener Medien im Zentrum – primär mit Hilfe von Videonutzung. Signifikant ist auch, dass derzeit eine Verschiebung vom Lehrenden zum Lernenden stattfindet. In diesem Fall stehen Experten und auch Communities im Vordergrund, die Wissen und Erfahrungen teilen. Das Credo hier: Von- und miteinander lernen. Zudem werden Lernpfade zunehmend flexibler und offener gestaltet. Neueste Technologien verbinden hierbei künstliche Intelligenz mit Ansätzen des adaptiven Lernens – dabei stellen selbstlernende Systeme und Algorithmen dem Nutzer passende Inhalte bereit. Insgesamt lässt sich konstatieren, dass sich im Lernfeld derzeit viel bewegt. Neue Prozesse, Denkansätze wie auch technologische Fortschritte zeigen neue Wege auf.

HRP: Welche Lerntechnologien sollten aus Ihrer Sicht besonders gefördert werden?

Jenewein: Der Hauptfokus sollte meines Erachtens nach auf dem vernetzten Lernen in Verbindung mit Social Software liegen. Eine Nutzung kann in Communities oder auch verbunden mit formellen Kursen und Workshops stattfinden. Das Augenmerk sollte bei der Technologienutzung auf der Fragestellung liegen, inwiefern das Verhalten von Mitarbeitern und Kunden am besten unterstützt, optimiert und innovativer gestaltet werden kann. Apps, Assistenten oder auch Mentoring-Programme können dabei helfen. Technologien unterstützen nicht mehr nur das formelle Lernen – sondern auch vermehrt das informelle Lernen bei der Arbeit.

HRP: Welche Rolle spielen (Chat-)Bots im E-Learning?

Jenewein: Zurzeit spielen Bots, die auf Künstlicher Intelligenz beruhen, noch keine sonderlich große Rolle im Zusammenhang mit digital unterstütztem Lernen. In der Zukunft wird sich dies ändern. Insbesondere im Zuge von repetitiver Wissensarbeit können Chatbots zukünftig vermehrt eingesetzt werden und gezielt Aufgaben übernehmen. In Communities beispielsweise können Chatbots Fragen beantworten, Inhalte erstellen sowie passende Lernangebote je nach Vorwissen oder bevorzugtem Lernstil vorschlagen. SAP forscht bereits seit Längerem an der Entwicklung von Chatbots für Communities, Weiterbildungs-Recommendation-Apps im Lernmanagement oder virtuellen Assistenten (wie SIRI) für Geschäftsprozesse.

HRP: Auf der Learntec haben wir viele Aussteller getroffen, die Lösungen für „häppchenweises Lernen“ anbieten. Wie wichtig ist bzw. wird dieses Thema aus Ihrer Sicht?

Jenewein: Dieses Thema ist durchaus wichtig und nimmt auch bereits einen wichtigen Stellenwert ein. Ein Grund dafür sind die zunehmend geringer werdenden Aufmerksamkeitsspannen unsereins. Beim Microlearning geht es aber nicht nur darum, Inhalte in kleine Einheiten zu splitten. Vielmehr ist das Ziel, Lernangebote insgesamt handlungsrelevanter, bedarfsgerechter und personalisierter zu gestalten. So können zum Beispiel SAP-Software oder neue Prozesse durch Kurzvideos sukzessive erlernt werden. Erfolgreiches und nachhaltiges Mircolearning verstärkt sich, wenn die Anwender auch untereinander über die vermittelten Inhalte diskutieren, sie in größere Zusammenhänge setzen und sie bereits konkret anwenden können, zum Beispiel in Sandbox-Umgebungen.

HRP: In einem Gespräch vor knapp 1,5 Jahren räumten Sie dem Thema „Gamification“ einen großen Stellenwert, insbesondere aus dem Blickwinkel des Motivationsdesigns ein. Welche neueren Entwicklungen gibt es diesbezüglich?

Jenewein: Gamification zum Zwecke der Motivation ist immer noch ein wichtiger Bereich und die ersten Firmen haben damit auch schon experimentiert. In vielen Applikationen für Endkonsumenten ist Gamification bereits alltäglich – man denke an das klassische Punktesammeln, spielerisches Design oder Fortschrittsanzeigen. Insgesamt ist das Thema der Motivation aber sehr komplex und in seiner Umsetzung oft schwieriger als erwartet. In unserer eigenen Lerncommunity, dem SAP Learning Hub, testen wir aktuell Gamification-Ansätze. Unsere Moderatoren richten dabei beispielsweise komplexe Aufgabenstellungen in Form von Missions an die Community. Weitere Ansätze werden auch im Zuge des Onboardings neuer Mitarbeiter oder der Ausbildung im IoT genutzt. Neu ist, dass Gamification-Ansätze vermehrt „out of the box“ genutzt werden können. Dies ersetzt natürlich nicht den überlegten Einsatz hinsichtlich Kontext, Zielgruppe und erwarteter Resultate. Einfach nur Punktesysteme, Badges oder Leaderboards für jegliches Lernen zu nutzen, ist eher kontraproduktiv.

HRP: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Thomas Jenewein SAP

 

 

Foto: ©Thomas Jenewein/SAP