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Arbeitnehmer können Crowdwork und Crowdworker können Arbeitnehmer sein

Fühlen Sie sich gelegentlich auch als Crowdworker, obwohl Sie eine Festanstellung im Unternehmen haben? Noch verkünden aktuelle Studien, dass sich Mitarbeiter (ausgenommen Führungskräfte) mehr Homeoffice wünschen. Doch wir kennen aus der Ökonomie das Gossensche Gesetz des abnehmenden Grenznutzens. Heinrich Gossen hatte bereits 1854 erkannt, dass der Nutzen einer Sache mit zunehmender Menge abnimmt. Das Homeoffice hat uns zweifellos vor Schlimmeren bewahrt. Aber seien wir mal ehrlich, ist das wirklich die Arbeitsform, von der wir immer geträumt haben?

Jetzt können wir vielleicht die klassischen Crowdworker besser verstehen. Sie arbeiten unter ähnlichen Bedingungen, aber Sie haben keine Festanstellung. Sie sind digitale Tagelöhner. Um diese Crowd- oder Clickworker ging es am Dienstag, den 1. Dezember 2020, am Arbeitsgericht in Erfurt. Ein 53-Jähriger aus Wesel am Niederrhein hatte geklagt. Nachdem er fast zwei Jahre für die Plattform Roamler tätig war, beendete die Plattform die Zusammenarbeit von einem Tag auf den anderen. Vor dem Bundesarbeitsgericht ging es nun darum, ob er als Arbeitnehmer oder Selbständiger anzusehen wäre. Er hatte im Kern argumentiert, dass er weisungsgebunden und fremdbestimmt für die Plattform tätig gewesen sei. Das BAG stellte in seinem aktuellen Urteil fest: Zwischen Internetplattformbetreiber und Crowdworker kann durchaus ein Arbeitsverhältnis zustande kommen. Maßgeblich sei die tatsächliche Durchführung des Vertragsverhältnisses im Einzelfall. 

Druck auf den Gesetzgeber 

Knapp drei Millionen Crowdworker sind derzeit in Deutschland tätig. Hinzu kommen Hunderttausende Einzelkämpfer, die andere Plattformen und Netze nutzen. Gewerkschafter und Linke fordern seit Jahren eine bessere Regulierung dieser freieren Arbeitsform. „Es ist allerhöchste Zeit, Schutzrechte für Crowdworker zu schaffen“, sagt die Vizechefin der Gewerkschaft IG Metall, Christiane Benner. Ob es das Papier der Gewerkschaft bis zum Gesetzentwurf 2021 schafft, bleibt fraglich. Solange der Gesetzgeber nicht handelt, bleibt den Clickworkern nichts anderes übrig, als weiter vor Gericht um bessere Arbeitsbedingungen zu streiten. 

Über neue Arbeitsverhältnisse nachdenken 

Während die einen sich langsam wieder zurück ins Office sehnen, haben andere Geschmack an dieser Work-Life-Arbeitsform gefunden. Der Abstand zur Führungskraft oder zum Chef lässt mehr Raum für andere Optionen. Warum sollte jemand seine guten Leistungen nicht auch anderen Interessenten anbieten? Vor allem, wenn er sie bei seinem eigenen Arbeitgeber nicht voll entfalten kann. Angesichts der Krise sind viele Beschäftigte gezwungen, über ihr eigenes Job Crafting nachzudenken. Ihre aktuelle Tätigkeit entspricht nicht mehr ihrer ursprünglichen Stellenbeschreibung. Teams und Abteilungen organisieren ihre Arbeiten und Tätigkeiten selbständiger und reagieren auf die Flexibilitätswünsche der Märkte. Das sind die Momente, in denen sich Menschen fragen, wer bin ich, was möchte ich wirklich machen, was kann ich und was könnte noch aus mir werden. 

Bei aller Härte hat uns Corona wieder gelehrt, den Blick auf uns selbst zu richten. Viele alte Arbeitsformate und -strukturen haben ausgedient. Und mit den Generationen Y und Z gibt es kein Zurück mehr in die Zeit vor Corona. Es bleibt sportlich. Die einen ringen um ihre Rechte vor dem Arbeitsgericht. Die anderen ringen mit sich selbst.

 

Franz Langecker
Chefredakteur der HR Performance

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