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Frauen arbeiten anders?

Erleben wir nicht selbst, dass der gesellschaftliche Wandel über Gefühle, Kommunikation und Beziehungen läuft? Der positive Umgang mit Emotionen und die emotionale Intelligenz entwickeln sich zur wertvollsten Ressource für Unternehmen.

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Foto: ©AdobeStock/RomanticStudio

Eine Studie an der Stanford Universität in Kalifornien stellte in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts fest, dass Frauen am PCs anders arbeiten als Männer. Seither bin ich auf keine seriöse Studie mehr gestoßen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzt. Aus dem Alltag kennen wir alle viele Beispiele, die zeigen, dass Männer und Frauen ihre Projekte unterschiedlich angehen und umsetzen.

Heute heißt es, dass Männer in „Boxen“ und Frauen in „Netzwerken“ denken. Vor 60 Jahren waren Frauen als Programmierer tätig und die Männer haben sich um die „Kisten“ (Hardware) gekümmert. Die Engländer sagen: „Same same, but different.“ In unserer männlich dominierten Wirtschaft vermisse ich sachliche Diskussionen über die potenziellen Unterschiede und die daraus resultierenden Chancen. Wahrscheinlich erinnert sich niemand aus der älteren Generation mehr an den Start von Dagmar Berghoff als erste Tagesschau-Sprecherin. Als sie 1976 ihre Arbeit antreten wollte, gab es nennenswerten Widerstand. Der damalige Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke war der Meinung, dass Frauen das nicht könnten. Er befürchtete, dass sie in Tränen ausbrechen würden, wenn sie über ein Unglück berichten müssten. 23 Jahre war sie anschließend als Nachrichtensprecherin tätig. Heute schmunzeln wir vielleicht darüber. Tatsächlich aber spuken in den Köpfen von uns Männern noch viele Klischees, deren wir uns gar nicht bewusst sind. Um sie aufzudecken, sollten wir offen darüber diskutieren und uns gegenseitig darauf aufmerksam machen. Gemeinsam könnten wir so wahrscheinlich viel brachliegendes Potenzial in den Firmen heben und einbinden.

Weibliche Fähigkeiten machen Unternehmen zukunftsfit

Seit Jahren erleben wir, wie sich die inhaltlichen Auseinandersetzungen in den Unternehmen verschieben. Die Pandemie hat das Gesundheitsmanagement endgültig salonfähig gemacht. Wir stellen fest, dass nicht nur viele MitarbeiterInnen erschöpft sind, sondern auch die Führungskräfte. Und statt über Technologie diskutieren wir heute mehr über Bildung. Damit rücken die ehemals belächelten, weichen Themen zunehmend in das Zentrum des wirtschaftlichen Geschehens. Junge MitarbeiterInnen interessieren sich nicht nur für materielle Themen. Sie wollen mehr Zeit und Raum für ihre persönliche und gegebenenfalls familiäre Entwicklung. Weiblichere Unternehmenskulturen zahlen sich mittelfristig aus. Dafür gibt es inzwischen wissenschaftliche Belege. Ja sie gelten heute sogar als Zeichen von Stärke und moralischer Integrität.

Nach der Pandemie und in der aktuellen Krise müssen ArbeitgeberInnen vieles neu denken. Wie können sie auf den Wertewandel reagieren? Wie kann das ganze Unternehmen sich auf den Lernweg begeben? Wie lassen sich Arbeitsbedingungen zum Wohle des Betriebes und der MitarbeiterInnen organisieren? Welche Reward-Pakete und Incentives werden gewünscht? Damit ließe sich auch einer potenziellen „Great Resignation“, wie sie derzeit in den USA diskutiert wird, vorbeugen. Manche sprechen sogar davon, dass die Zukunft „emotional“ sein wird. Das heißt: Persönliche Eigenschaften, Kompetenzen und Verhaltensweisen als Teile der emotionalen Intelligenz machen den Unterschied aus.

Wissen ist in den Unternehmen zur Genüge vorhanden. Die Berufsbilder und die Anforderungen vor allem an die Führungskräfte wandeln sich permanent. Erleben wir nicht selbst, dass der gesellschaftliche Wandel über Gefühle, Kommunikation und Beziehungen läuft? Der positive Umgang mit Emotionen und die emotionale Intelligenz entwickeln sich zur wertvollsten Ressource für Unternehmen. Auf die Frage, was eine gute Führungskraft aus der Perspektive der Neurowissenschaft auszeichnet, antwortete der Neurowissenschaftler Gerhard Roth in einem Interview in managerSeminare (März 2019, S. 20 ff.): „Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz und die Feinfühligkeit, also die Bereitschaft und Fähigkeit, die Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen. Wie feinfühlig wir sind, merkt unser Gegenüber intuitiv und reagiert entsprechend intuitiv – indem es sich öffnet oder sich, vor allem seine Emotionen, verschließt.“

Geschlechtergerechtigkeit macht Unterschiede noch deutlicher

„Das Paradox der Geschlechter – Je besser es um Gleichberechtigung steht, desto mehr entsprechen Frauen und Männer dem Klischee. Da ist Streit natürlich vorprogrammiert. Ein Plädoyer für mehr Chancen- und weniger Ergebnisgerechtigkeit.“ So titelte Sebastian Herrmann seinen Artikel jüngst in der Süddeutschen Zeitung (22./23.10.2022). Beim Sozialisationsprozess der Kinder erleben wir häufig die Unterschiede. Männer interessieren sich quer durch die Welt eher für Gegenstände. Sie wollen herausfinden, wie Dinge funktionieren. Frauen beschäftigen sich mehr mit anderen Menschen und sozialen Prozessen. Allein die Tatsache, dass Frauen Kinder gebären, dürfte Spuren in ihrer Psyche hinterlassen haben.

„Frau, Leben, Freiheit“, skandieren die Menschen seit Wochen im Iran. Die Frauen treiben die Veränderung voran. Diese Entwicklung könnte Schule machen, wie einst der Frühling in den arabischen Ländern. Die Frauen sind zur „Veränderungs-Bewegung“ 2022 geworden. Man darf gespannt sein auf die Rede von Annie Ernaux am 10. Dezember anlässlich der Übergabe des diesjährigen Literaturnobelpreises an sie. Und wer noch an den Veränderungen zweifelt, mag sich den aktuellen Kinofilm von Ruben Östlund „Triangle of Sadness“ ansehen. Zum 2. Mal nach 2017 hat er dafür in diesem Jahr in Cannes die Goldene Palme erhalten. Der Film beschäftigt sich mit den sich verändernden Machtverhältnissen zwischen Frauen und Männern.

Franz Langecker

Franz Langecker, Chefredakteur HR Performance

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