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Im Creative Room steckt Ideenreichtum – und Geld

Oder es steht wie Ravioli, bei denen der Mensch Teigware, Fleisch und Soße in einem Biss zu sich nehmen kann, für „All-in-one“ und der Gedanke der Effizienz im Vordergrund. Was das kostet? So genau weiß man es noch nicht.

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©Stefan Häseli

„Hannes managt“ ist eine Geschichten-Serie mit feinsinniger Satire aus den und über die Management-Etagen.

Das Room Concept

Nach ein paar Sitzungen mit Urlaubsabwesenheiten trifft man sich heute Morgen wieder in vollständiger Besetzung im großen Zimmer zur Geschäftsleitungssitzung. Zentrales Thema ist heute das sogenannte Room Concept. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Chef, der konstatiert, dass die Zeiten agil seien und man sich auf einen neuen Kaffee einstimmen müsse, weil das Leasing der alten Maschine ausgelaufen sei und man einen neuen Anbieter evaluiert habe, geht’s los. Hannes freut sich bereits, denn der alte Kaffee schmeckte ihm nie.

Dieses Room Concept ist nicht ganz neu. Man hat gesehen, dass alle Mitbewerber sich in Corona-Zeiten etwas Neues haben einfallen lassen. Also wagte Hannes Unternehmen auch erste Überlegungen. Es sollen ja, so sagt man, nie mehr alle Mitarbeitenden gleichzeitig im Büro sein. Das schafft Raum für Ideen, wie man die Büroflächen besser nutzen könnte. Das Büro-im-Büro, respektive das Vermieten von Büroarbeitsplätzen an andere Firmen, war eine tolle Idee. Da aber alle das gleiche Problem von zu vielen Arbeitsplätzen haben, kann das nicht wirklich funktionieren.

Das „Homeoffice-im-Büro“

Angedacht war auch ein Konzept namens „Homeoffice-im-Büro“. Man vermietet Büroarbeitsplätze an Leute von anderen Unternehmen, die im Homeoffice sein wollen, sollten oder müssen, es zu Hause aber nicht aushalten und den nötigen Platz oder die Grundinfrastruktur nicht haben.

So kann Mitarbeiter X seinem Unternehmen Y sagen, dass er im Homeoffice ist, seiner Frau kann er sagen, dass sie das Zimmer nutzen kann und er selbst kann sich in einem anderen Unternehmen für einen Tag einmieten. Aber auch dieses Konzept ging nicht auf.

Also muss jetzt das getan werden, was die anderen auch tun. Trends sind da, um auf deren Wellen zu schwimmen. Der Trend ist Room Concept. Man baut und möbliert um, stellt dort Trennwände hin, wo es vorher keine gab und nimmt sie dort weg, wo sie einst standen. Dazu eine architektonische Lösung für die Anordnung der Arbeitsplatz-Tische. Ein ausgeklügeltes Teppich-Farben-Konzept, Begegnungszonen, Drucker-Corners und was es sonst noch alles braucht.

Ein neuer Creative Room

Ein absolutes Must und Vorzeige-Bijou soll der neue Creative Room werden. Der Projektleiter ist heute in der Sitzung zu Gast und stellt sein Konzept vor. Man hat eigens einen separaten Architekten bemüht. Orko Osaka Momo Aiko Sakihama ist es. Eine Berühmtheit im Land der aufgehenden Sonne und die eigentliche Starnummer für Office-Architektur. Zu seinen langjährigen Kunden zählt auch Toyota. Kaizen in der Garderobenkastenanordnung umzusetzen, war seine Pioniertat in den Nullerjahren. Wenn das Unternehmen schon einen Creative Room schafft, dann soll es der Beste sein, den der industrielle Sektor je gesehen hat. Das ist die Philosophie: Nicht der Erste zu sein, sondern der Erste, der wirklich nicht mehr zu toppen ist. So pflegt der Chef zu „mantren“.

Agil-kreativ im Creative Room

Die verwegene Frage eines Neulings in der Runde, warum man so einen Creative Room brauche, wird abgeschmettert: Weil man es braucht, meint der Chef. Man muss im agilen Zeitalter agil sein.

Und nachdem der Agil-Hype bereits etwas abgeflacht ist und man vorsichtshalber alle Agile-Coachs wieder in die Linie als normale Sachbearbeiter integriert hat, müssen jetzt alle agil-kreativ sein. Dafür bietet so ein Creative Room das richtige Umfeld.

Das Konzept von Orko Osaka Momo Aiko Sakihama sieht vor, dass es innerhalb dieses Creative-Room flexible Unterteilungen in Workzone, Relaxcorner und Reflectionspace gibt. Die Grundausstattung ist gegeben: die beschriftbare Kreativ-Magnetwand, die übliche Lego-Wand mit großer Auswahl an Lego, verschiedene Sitz- und Stehgelegenheiten für agiles Arbeiten, kreativer Moderationskoffer, Happy-Coffee-break-Würfel, ein Flatscreen, dem man das nicht ansieht, da er weiß und so groß wie die ganze Seitenwand ist, ein Lichtkonzept mit zwölf Programmen, verstellbaren Leuchten in vier verschiedenen LED-Stärkestufen, imitierte Blumentöpfe, bei denen die entsprechenden Blüten mit einem Farbwunsch im Vorfeld bestellt werden können. Dann die obligaten und durch berechneten Akkustikvoraussetzungen, die Modularität der Lederwürfel, die als Sitze, Tische oder auch als Ablagefläche oder Hilfsorganigramme dienen.

Ein Creative Room ohne Kunstobjekt …

Orko Osaka Momo Aiko Sakihama hat als kulturbeflissener Mensch auch die Knalleridee für einen westlichen Joke. Kunst am Bau ist nicht neu. Aber ein Creative Room ohne Kunstobjekt ist nichts als ein Creative Room. Wer antritt, um Maßstäbe zu setzen, kommt um die kulturelle Aufwertung eines Arbeitszimmers, auch wenn es ein Creative Room ist, nicht herum. Und so kommt es, dass in der Mitte des Raumes eine leere Ravioli-Konservendose liegt. Sie steht symbolisch für „Hier kannst du reinwerfen, was du nicht mehr brauchst“ oder „Alles, was wir hier tun, hält zur Not ewig“ oder „Blech ist im Grunde ein Naturprodukt“ und muss für die Nachhaltigkeit herhalten.

Oder es steht wie Ravioli, bei denen der Mensch Teigware, Fleisch und Soße in einem Biss zu sich nehmen kann, für „All-in-one“ und der Gedanke der Effizienz im Vordergrund. Was das kostet? So genau weiß man es noch nicht. Aber um Kosten zu sparen, werden nun Hannes und seine Kaderkollegen aufgerufen, zu Hause Ravioli zu essen, um die leeren und sauber gewaschenen Konservendosen mitzubringen. Sie werden dann als Reserve zum Original gelagert. Denn so eine japanische Künstlerdose sei ein häufiges Diebstahlobjekt …

Autor: Stefan Häseli, Keynote-Speaker, Kommunikationstrainer und Kabarettist, E-Mail: stefan.haeseli@stefanhaeseli.ch, www.stefanhaeseli.ch

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