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Beim Thema Verantwortung sind alle (un)gleich

„Wir müssen mehr Verantwortung übernehmen!“, fordern nicht nur jugendliche Klimakämpfer. Das Thema Verantwortung durchdringt unseren gesamten Alltag: wenn es um Politik, Gesellschaft, Sport, Medien, Mensch, Tier oder Umwelt geht. Ganz zu schweigen von Unternehmen. Fast immer schwingt bei dem Wort eher Schwere und Pflichtgefühl als Freude und Stolz mit. Meist geht es darum, dass jemand anderes mehr Verantwortung übernehmen soll. Und viele wissen gar nicht so genau, was mit dieser Forderung wirklich gemeint ist.

Meine 20-jährige Erfahrung als Managementtrainer hat mir gezeigt, dass Verantwortung der Kern menschlicher Entwicklung ist. Ich habe auch erfahren, dass viele das Thema völlig unterschiedlich definieren, einordnen und bewerten. Um hier Klarheit zu schaffen, haben wir den Verantwortungsindex ins Leben gerufen. 2017 haben wir Verantwortung wissenschaftlich messbar gemacht und zum ersten Mal einen fundierten Eindruck bekommen, wie die Deutschen mit dem Thema umgehen. Die zweite Befragung 2018 erlaubt es uns nun, dieses Bild zu erweitern und eine Entwicklung aufzuspüren. Hat sich die Verantwortungsqualität in Deutschland verbessert?

Andere & ich

Auch die zweite Befragung erfolgte deutschlandweit mit mehr als 1.000 auswertbaren Rückmeldungen, repräsentativ nach Alter, Geschlecht und Bundesland. Trotz aller Unkenrufe und Forderung nach Verantwortung belegt der Index einen negativen Trend: Wir schieben Verantwortung immer noch ab. Die Mehrheit der Teilnehmer der zweiten Studie erkennt Verantwortung noch stärker bei anderen als bei sich selbst. Bereits 2017 legten 62 Prozent der Befragten den schärferen Fokus auf ihre Umgebung als auf die eigene Person. Der Wert ist 2018 noch einmal um vier Prozentpunkte gestiegen.

Verantwortungsindex_2018

Die Ursache ist leicht erklärt: Unsere Gesellschaft ist geprägt von Tempo, Komplexität und Transparenz. Wir wollen mehr Follower auf den sozialen Netzwerken, schneller Karriere machen und größere Häuser bauen als der Nachbar. Diese Höher-schneller-weiter-Mentalität lässt Menschen immer mehr auf andere blicken und sich vergleichen. Die Folge: Wer bei anderen Verantwortung besser sieht als bei sich selbst, schiebt sie auch schneller dorthin ab. Er nimmt das Gegenüber mehr in die Verantwortung als sich selbst und erkennt dessen Versäumnisse leichter als seine eigenen. Es kommt zur Überlegenheitsillusion. Man bildet sich ein, besser als der andere zu sein und interpretiert fremde Erfolge somit schneller als ungerechtfertigt. Der aufkommende Neid verengt den Blick auf sich selbst.

Auch die bereits 2017 schwach ausgeprägte Selbstverantwortung in der Gesellschaft hat sich 2018 nicht verbessert. Etwa jeder dritte Befragte hat einen niedrigen bis extrem niedrigen Wert. Das Problem liegt darin, dass Menschen nicht genug zwischen Einfluss- und Interessenbereich unterscheiden: Leicht schimpft es sich über Chefs oder Politiker, leicht philosophiert es sich am Stammtisch über kluge Ideen für Fußballtrainer oder US-Unternehmen. Dabei ignorieren viele die Möglichkeiten am eigenen Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft. Besser als die Konzentration nach außen wäre, aktiv Verantwortung dort zu übernehmen, wo man wirklich etwas ausrichten kann. Dazu gehört eine Portion Mut. Denn wer seiner eigenen Verantwortung ins Auge schaut, muss sich mit sich selbst auseinandersetzen und bereit sein, die Konsequenzen seines Handelns zu tragen. Scheitert ein Projekt, hagelt es oft Kritik: „Wie konnte er das so machen? War doch klar, dass das nicht klappt.“ Um das zu vermeiden, gehen viele ihrer Verantwortung von Anfang an aus dem Weg.

Mitarbeiter & Führungskräfte

Ein Ergebnis, das sich ebenfalls durch die zweite Befragung festigt: Führungskräfte können nach wie vor Verantwortung nicht besser sehen, ausfüllen oder übernehmen als Nicht-Führungskräfte. Chefs sind also genauso verantwortungsvoll oder -los wie ihre Mitarbeiter. Können sie überhaupt noch Vorbilder sein? Führungskräfte, die kein klares Bewusstsein haben, wo das eigene Verantwortungsfeld liegt, rutschen leicht in wirkungsschwaches Verhalten ab. Sie überfordern ihre Mitarbeiter oder kümmern sich selbst um alles. Darunter leiden Effizienz und Entwicklung.

Verantwortung_nach_beruflicher_Position

Besonders kritisch wird diese Erkenntnis in Kombination mit folgender: Menschen schreiben Führungskräften automatisch eine höhere Verantwortungsqualität zu. Sie legen bei Chefs höhere Maßstäbe an als bei sich selbst. Da der Index keine Unterschiede in der Qualität aufweist, muss diese Überhöhung andere Ursachen haben: Wollen sich die Menschen hinter ihrer Führungskraft verstecken? Das wäre ein Akt der Selbstentmächtigung. So oder so: All das unterstreicht, dass Verantwortung viel zu wenig Beachtung bei der Entwicklung von Führungskräften findet. Damit Führung und Verantwortungsqualität Hand in Hand gehen, müssen Unternehmen das Thema bei der Entwicklung und Besetzung von wichtigen Positionen viel stärker in den Blick nehmen.

Männer & Frauen

Wie unterschiedlich Verantwortung erkannt oder bewertet wird, zeigt auch das folgende erstaunliche Ergebnis: Männer werden als verantwortungsbewusst wahrgenommen, wenn sie loyal sind. Das erklärt, wie Seilschaften in Unternehmen entstehen oder Schummel-Software jahrelang unentdeckt bleibt. Hätten Mitwisser mehr Charakter und Verantwortungsbewusstsein besessen, wäre das nicht passiert. Das Gleiche gilt für Skandale um die katholische Kirche, die den Glauben an die Gottesvertreter so stark erschüttern. Männer neigen dazu, sich gegenseitig zu begünstigen.

Frauen hingegen gelten als verantwortungsbewusst, wenn sie hilfsbereit sind. Die soziale Erwünschtheit übt so Druck auf Frauen aus, lieb und nett zu sein. Deswegen setzen sie sich seltener durch und haben es schwerer, die Karriereleiter durch Einfluss zu erklimmen. All das betrifft die Wahrnehmung; die Fakten gibt der Index preis: Männer und Frauen unterscheiden sich in ihrer Verantwortung in keinem Bereich. Diese Erkenntnis ist ein wohltuender Gegenpol zum immer unsachlicher werdenden Geschlechterkampf und seiner Vorurteile. Jeder sollte sich daher immer wieder selbst überprüfen: Denke ich, dass sich Männer und Frauen in der Verantwortungsqualität unterscheiden?

Lust & Sinn

Was ziehen wir daraus? Das Thema Verantwortung ist negativ belegt. Viele scheuen Verantwortung aus Angst vor Kritik bei Fehlern. Verantwortungsvoll ist demnach, dem Erschaffer mehr Bedeutung einzuräumen als dem Kritiker. Lust auf Verantwortung entsteht, wenn Menschen durch Verantwortungsübernahme in ihrem Einflussbereich Sinn erfahren. Diese Lust wächst durch den Respekt vor Verantwortung und einen reflektierten Umgang mit Fehlern. Verantwortung kann jeder lernen, wenn er sich mir ihr beschäftigt und aktiv wird. Die eigene Qualität wächst durch Identifikation, durch Freiraum zur Selbstwirksamkeit und durch die Lehre aus Erfahrungen. Wer bei sich selbst anfängt und Verantwortung klug übernimmt, der erkennt immer mehr, wo er hingehört. Wer das Leben als besten Lehrer nutzt, kann wachsen und der Beste werden, der er sein kann. Die Mühe lohnt sich: Verantwortungsvolle Menschen sind starke Menschen. Diese stärken Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft. Sind Sie mit dabei?

Über den Verantwortungsindex:

Verantwortung in den drei Dimensionen menschlich (Wer ist in der Verantwortung?), faktisch (Was ist in der Verantwortlichkeit?) und prinzipiell (Wofür ist die Verantwortung?) bei sich und bei anderen erkennen. Der jeweilige Wert der Verantwortungsqualität zeigt, inwiefern wir als Gesellschaft die Fähigkeit zur jeweiligen Dimension besitzen oder wie ausgewogen unsere Aufmerksamkeit auf das Thema ist. 100 Prozent steht für eine Verantwortungs-Utopie. Jedes Mitglied unserer Gesellschaft kann seine eigene Verantwortung und die seiner Mitmenschen perfekt einschätzen und handelt dementsprechend. Bei 0 Prozent erleben wir das genaue Gegenteil – also eine Dystopie, in der niemand die eigene oder die Verantwortung anderer wahrnimmt oder im eigenen Handeln berücksichtigt. Der Index wird in regelmäßigen Abständen den aktuellen gesellschaftlichen Stand zum Thema Verantwortung repräsentativ messen, abbilden und publizieren.

Verantwortung messen:

Um die Verantwortungsqualität eines Menschen abzubilden, hat das Institut verschiedene Diagnoseinstrumente entwickelt: „Fokus Verantwortung“ zur Messung der allgemeinen Verantwortung, den „Leadership Excellence Report“ zur Erstellung einer hochwertigen Führungsanalyse und einen kostenfreien Selbsttest, bei dem jeder seine eigene Verantwortungsqualität mit dem deutschen Durchschnitt vergleichen kann.

Zum Autor:

Boris Grundl (www.grundl-institut.de) durchlief eine Blitzkarriere als Führungskraft und gehört als Führungsexperte und mitreißender Kongressredner zu Europas Trainerelite. Er ist Management-Trainer, Unternehmer, Autor sowie Inhaber des Grundl Leadership Institut. Boris Grundl perfektionierte die Kunst, sich selbst und andere auf höchstem Niveau zu führen. Er ist ein gefragter Referent und Gastdozent an mehreren Universitäten. Er erforscht das Thema Verantwortung (www.verantwortungsindex.de) und gibt Schülern in Großvorträgen wegweisende Impulse für ein eigenverantwortliches Leben.

(Foto: Photographee.eu/Fotolia)

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