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Je fester die Haltung der Führungskraft, desto beweglicher das Unternehmen

Fließende Arbeitsaufträge, flexibel wechselnde Arbeitszeiten und oft auch -orte, „quick and dirty“ statt Qualitätsarbeit – das ist Realität in vielen Unternehmen. Heutzutage muss es schnell gehen, wenn man am Ball bleiben will, statt ihm hinterher zu hechten. Während das für viele eine tolle neue Welt mit unendlichen Möglichkeiten darstellt, macht es einer großen Anzahl von Personen auch schlicht und ergreifend Angst. Klar, denn woran sollen sie sich orientieren? Was gibt noch Orientierung in der VUCA-Welt?

Die Antwort darauf? Im Idealfall ist es die Haltung und die Wertedefinition der Führungskraft. Proportional zur schneller werdenden Rotation der Arbeitswelt muss auch das Maß an Menschlichkeit und Wertschätzung an der Spitze wachsen, um Unternehmen zu bewegen, zu verändern, voranzubringen. Klingt paradox, ist aber eigentlich vollkommen logisch. Dazu braucht es Haltung. Haltung ist zugleich ein physischer und ein metaphysischer Aspekt. Sie hat mit der Körperhaltung zu tun, aber in noch größerem Maße mit dem Halt, den man Mitmenschen und folglich Mitarbeitern geben kann. Führungskräfte mit klarer Haltung haben ein sicheres Wertegerüst, auf das sich Mitarbeiter verlassen können und das ihnen ermöglicht, vertrauensvoll jeden Change, jeden Wandel mitzutragen. Die Haltung der Führungskraft ist der Kompass des Unternehmens – und diese muss in zweierlei Hinsicht entwickelt sein. Es braucht eine Haltung zu sich selbst und eine Haltung gegenüber anderen. Je stärker und klarer diese ist, desto freier bin ich auch von Manipulationen und destruktiven Einflüssen von außen.

 

Haltung zu sich selbst entwickeln

Eine sichere Haltung kann nur durch die genaue Kenntnis des eigenen Wertekanons entstehen. Oftmals wird Haltung mit Meinung verwechselt – ein Irrtum, denn während sich Meinungen ändern können, bleibt eine echte Haltung im Wesentlichen fest, da sie auf dem Kern des Menschen aufbaut. Entscheidend für diese innere Haltung ist der Mut, sich Entscheidungen und Verhalten nicht mehr von außen aufzwingen zu lassen, sondern das zu tun, was einem selbst wichtig und richtig erscheint. Viele Menschen träumen davon, sich diesem Ideal anzunähern, haben aber schlicht keinen Zugang mehr zu ihren Werten, Einstellungen und Motiven.

Um zu wissen, was man will, sich zu fokussieren und mit den eigenen Werten auseinanderzusetzen, hilft es, einen individuellen Wertekanon zu definieren. Über diesem Kanon schwebt zunächst die alles bestimmende Frage: Was ist mir wirklich wichtig? Definieren Sie Ihren persönlichen Kanon nach folgenden Fragen:

-        Wodurch zeichnet sich für mich glaubwürdiges Handeln aus?

-        Habe ich Vorbilder, und wenn ja, welche und warum?

-        Wie begegne ich Menschen?

-        In welchen Situationen bin ich besonders glaubwürdig und präsent?

-        Welches Menschenbild leitet meinen Alltag? 

-        Wie definiere ich Erfolg, Anerkennung und Wertschätzung?

-        An welchen Werten orientiere ich mein Handeln?

-        Was sind die Voraussetzungen, die ich mitbringen muss, um eine Führungskraft zu sein?

-        Was ist meine Aufgabe?

 

Schauen Sie auf Ihre Antworten: Das sind Ihre persönlichen Werte. Es macht Sinn, den Wertekanon in regelmäßigen Abständen zu hinterfragen und wenn nötig leicht zu justieren. Dann fragen Sie sich bei jeder Entscheidung, die Sie treffen: Bringt mich das meinen Werten näher oder entfernt es mich von ihnen? Geleitet von dieser Frage, entwickeln Sie eine Haltung zu und aus sich selbst heraus, an der niemand so leicht rütteln kann.

 

Haltung zu anderen Menschen entwickeln

Die Haltung gegenüber anderen korrespondiert mit der Haltung zu sich selbst. Um eine Haltung zu einem anderen Menschen aufzubauen, spielen aber noch andere Faktoren eine Rolle: Interesse, Empathie, Neugier, Verantwortung und Veränderung. Gerade bei Führung geht es um Emotionen.

Interesse und Empathie: Eine Führungskraft, die sich nicht für die Mitarbeiter interessiert, nicht vom vierfachen E-Faktor getrieben wird, wird kaum jemals gut führen können. Unter dem vierfachen E-Faktor versteht man die Fähigkeit zur kognitiven und emotionalen Empathie, zur empathischen Zuwendung und zum empathischen Entscheiden. Es geht hier also nicht um Gefühlsduselei, sondern darum, sich verständnisvoll in die Vorstellungswelt eines anderen Menschen einzufinden, ihm Respekt entgegenzubringen, sich für seine Meinung zu öffnen und so in einen Dialog auf Augenhöhe treten zu können.

Haltung und Neugier: Eine Haltung zu jemanden zu entwickeln, ohne neugierig auf ihn zu sein, ist fast unmöglich. Gleichermaßen ist Neugier das Ende von Stillstand. Erst unsere Lust auf Neues, auf Unbekanntes katalysiert Veränderung und Verbesserung. Trotzdem hat die Neugier ein Image-Problem: Bei Kindern gerade noch geduldet, wird sie bei Erwachsenen fast schon verpönt. Tun Sie das Gegenteil: Erlauben Sie sich, neugierig zu bleiben und zu lernen!

Haltung und Courage: Eine Haltung zu vertreten, zu einem Menschen zu „halten“, erfordert mitunter Mut. Aber: Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Insbesondere Führungskräfte können ihr Fähnchen nicht nach dem Wind hängen. Es ist wichtig, dass Sie sich gegen Entscheidungen stellen, mit denen Sie nicht einverstanden sind und für Veränderungen einsetzen, die Ihnen wichtig sind. Selbstbewusstsein, Selbstverantwortung und Selbstsicherheit: Dieser Dreiklang bestimmt das Handeln einer fokussierten Persönlichkeit mit Haltung, denn Führung ist eine Dienstleistung, kein Privileg.

Haltung, Verantwortung und Veränderung: Eine Haltung steht immer im Zusammenhang mit dem Willen, Verantwortung zu übernehmen: für die eigenen Taten, die Mitarbeiter, die Welt. Genauer gesagt: Nur wer eine Haltung hat, kann überhaupt Verantwortung übernehmen. Wenn ich keine Haltung zum Umweltschutz habe, werde ich niemals verantwortlich ein Projekt zur Reinigung der Ozeane steuern. Es berührt mich nicht, ich habe kein Interesse. Ohne eine Haltung zu meinen Mitarbeitern übernehme ich auch keine Verantwortung für deren Wohlergehen, schaffe es als Führungskraft nicht, Menschen vom Sollen ins Wollen zu bringen. Führungskräfte mit Haltung wissen hingegen genau, wofür sie stehen. Ihre Haltung steckt einen Kommunikations- und Interaktionsrahmen ab, in dem sich auch die Mitarbeiter agil und sicher bewegen können. Schließlich ist Kultur nichts anderes als die Summe der Verhaltensweisen des einzelnen Menschen. Innerhalb dieses Rahmens und dieser Unternehmenskultur herrscht grenzenlose Freiheit für Veränderung, Neuorientierung, kurz: das alltägliche Business der VUCA-Welt.

 

Die Autorin: Dr. Anke Nienkerke-Springer ist Geschäftsführerin und Inhaberin von Nienkerke-Springer Consulting und gilt als führende Expertin für Kommunikation in Transformationsprozessen, Topmanagement-Coaching, Beratung. Im August ist ihr neues Praxisbuch „Personal Branding durch Fokussierung – in zehn Schritten zur einzigartigen Persönlichkeit“ im GABAL Verlag erschienen.