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Durch Entschleunigen gewinnen

Selten habe ich die Veränderungen der Natur und den Gesang der Vögel so intensiv wahrgenommen, wie in diesem Frühjahr. In den letzten 30 Jahren hat sich unser Leben stark beschleunigt. Nach dem Mauerfall 1989 kam eine große Wende. Darunter litten die Menschen in Ostdeutschland. Der Westen fühlte sich als Gewinner. Wirtschaftlich gesehen bogen wir ab auf die Autobahn und beschleunigten. Das alte olympische Motto „schneller, höher, stärker“ (altius, citius, fortius) interpretierten wir auf unsere Weise. Wir haben einen Gigantismus daraus gemacht. Dabei bedeutet diese Aufforderung an die Sportler nur, dass sie ihr Bestes geben mögen. Wer mit 60 km\h unterwegs ist, nimmt mehr von seiner Umgebung wahr, als der, der mit 180 Stundenkilometer auf der Autobahn rast.

Der Preis des Gewinns

Nach der abrupten Entschleunigung wachen wir langsam aus dem Geschwindigkeitsrausch auf und müssen uns mühsam umstellen. Und beim Langsamfahren nehmen wir plötzlich wieder die Dinge wahr, die schon immer da waren. Wir haben sie nur vor lauter Geschwindigkeit nicht mehr gesehen und nicht mehr als wichtig wahrgenommen. Themen wie Klimawandel und Umweltverschmutzung empfanden viele als lästiges Beiwerk des Wachstums. Es wuchs die Bereitschaft, einen höheren Preis für den Wirtschaftsboom zu zahlen. Ihm wurde alles untergeordnet, auch das Internet. Fast alle reihten sich ein in den Chor und sangen das große Lied der Globalisierung. Wer das Modell infrage stellte, wurde am Wege stehen gelassen. Kritiker wurden von einigen wahrgenommen und von anderen belächelt.

Wenn wir einmal alle nachdenken, welchen Preis wir für das bisherige Erfolgsmodell zu zahlen bereit waren, dann sind wir vielleicht jetzt in der Lage, das Ganze kritischer zu sehen. Wir haben einen hohen Preis für die Reparaturen in unserem System bezahlt. Und Werte, wie sich mehr Zeit füreinander zu nehmen, sind oft auf der Strecke geblieben. Die Fähigkeiten, die Vielfalt und das Wunder der Menschen standen im Schatten des technischen Fortschritts. Vielleicht ist es jetzt Zeit, um über unser Wirtschaftsmodell, über unsere Lebens- und Arbeitsmodelle nachzudenken und sie zu verändern. Ein „Weiter so“ geht nicht mehr. Und es gibt auch kein Zurück. Es geht um Korrekturen und um Veränderungen.

Das Neue ist da. Wir wollten es nicht sehen.

Die Arbeit geht uns nicht aus. Der Umbau in den Schulen, in den Unternehmen und in unserem Leben und in den Köpfen fordert Zeit. Ein Teil unserer Gesellschaft freut sich, den Trott verlassen zu können. Aber vielen von uns fällt es plötzlich schwer umzudenken. Als ich in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts in den Personalbereich eingestiegen bin, wurden die Menschen in den Unternehmen überwiegend verwaltet. Damals forderten wir in der Zeitschrift, dass HR gestalten muss. Das hat nur partiell geklappt. Heute sehen wir, dass Menschen das Heft des Handelns gemeinsam in die Hand nehmen müssen und können. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Er ist mehr als nur Mittel zum Zweck. Die Digitalisierung hat unser Leben verändert. Sie bietet auch zukünftig ungeahnte Möglichkeiten. Die Chancen der Krise liegen darin, neue Wege zu gehen. Den Klimawandel zu stoppen, nachhaltiger zu wirtschaften, soziale Ungerechtigkeiten zu überwinden, die globalen Konflikte zu befrieden und achtsamer zu leben. Die junge Generation hat nichts zu verlieren, sie kann nur gewinnen. Deshalb sollten wir sie fordern. Und die ältere Generation kann stolz sein, auf das, was sie erreicht hat. Sie muss aber auch bereit sein, ihre Fehler zu sehen. Gemeinsam schaffen wir die Veränderung und meistern die aktuellen Herausforderungen.

Franz Langecker, Chefredakteur HR Perfromance

 

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