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Vom Know-how zum Do-how: Was Chefs von Greta Thunberg lernen können

Man kann sie mögen oder nicht. Man kann mit ihren Zielen einig sein oder nicht. Ihr Weg erscheint einem gut oder eben nicht. Und die ganze Bewegung findet man richtig oder übertrieben. Letztendlich liegt vieles im Auge des Betrachters. Doch eines dürfte zweifelsfrei klar sein: Dieser junge Mensch bewegt Millionen von Menschen. Die Rede ist von Greta Thunberg, der schwedischen Klimaaktivistin. In diesem Beitrag geht es weder um politische Würdigung, ihre Kampagnen und ihre Mission noch um ihre Inhalte oder Meinung. Es geht schlichtweg um die Frage: Was können Führungskräfte von ihr lernen? Der Kommunikationsexperte Stefan Häseli hat Antworten.

Ob auf Fridays-for-Future-Demonstrationen oder auf Wahlzetteln, ob bei Tagungen und Kongressen
oder schlichtweg während der Diskussion mit dem Nachbarn: Greta Thunberg ist präsent, bei vielen in den Köpfen und bei anderen sogar in den Herzen. Sie ist eine junge Persönlichkeit, die wahrnehmbar innerhalb weniger Monate die Welt definitiv ein Stück weit bewegt hat. Da lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen, was sie alles richtig macht.

Greta gibt einer Bewegung ein Gesicht

Es ist ja wahrlich nicht so, dass die Klimabewegung neu ist. Aber ihr fehlte bisher ein Gesicht. Und ohne Gesichter ist es heutzutage kaum möglich, eine Geschichte, eine Vision, eine Idee zu vermitteln. Greta Thunberg bedient die mediale Dynamik und alles, was „Greta“ im Titel hat, wird geklickt und gelikt. Auch wenn inhaltlich die Kommentare auseinander gehen: Greta bedient das Influencer-Prinzip und spricht große Personenkreise an.

Ein Unternehmen, eine Abteilung oder auch ein Bereich profitieren mehr denn je von einem Gesicht. Die Zeiten sind volatil und von Veränderungen und Unsicherheiten gekennzeichnet. Da braucht man heute Chefs, die sich hinstellen. Ferdinand Piëch ist kürzlich gestorben, er gab einem Automobilkonzern ein Gesicht. Mark Zuckerberg ist auch eines und wer Tesla sagt, meint Elon Musk. Nun ist ja nicht jeder ein Typ wie Elon Musk – und doch besteht eine der relevantesten Aufgaben darin, dem Betrieb ein Gesicht zu geben. Denn was passiert dann? Plötzlich ist da einer, der einsteht für das, was seine persönliche Mission ist – genau DAS macht eine moderne Führungskraft aus. Insbesondere in Krisensituationen hat das Gewicht. Da gilt der Grundsatz: „Je Krise, desto Chef-Kommunikation.“

Greta hat Durchhaltevermögen

In vielen Business-Situationen geht es darum, dass Führungskräfte es schaffen, möglichst viele Mitarbeitende zu erreichen. Bei dieser Herausforderung können sie sich ebenfalls etwas von Greta abschauen: Sie ist komplett anders, als die meisten Menschen – auch ihrer Generation. Das ist nicht nur das Aussehen, sondern hängt auch mit ihrer Krankheit, dem Asperger-Syndrom, zusammen. Was auch immer dahinter steckt: Sie strahlt ein unglaubliches Durchhaltevermögen aus. Sie hätte 1.000 Gründe, das, was sie macht, nicht zu tun oder abzubrechen: die Krankheit, die Anfeindungen, die internen Querelen. Und doch ist sie hartnäckig und auf ihre Ziele fokussiert. Die Parallelen zur idealen Führungsperson liegen auf der Hand: Es gibt immer genug Gründe, sich von Widerstand bremsen oder durch ein anspruchsvolles Umfeld vom Ziel abbringen zu lassen. Da ist der schwierige Markt, der findige Mitbewerber, der anstrengende Mitarbeiter, der schlecht organisierte Vorgesetzte … Ohne das wäre das Geschäftsleben definitiv einfacher. Wer aber als Chef eine klare Vision hat und tatsächlich beseelt davon ist, hält durch!

Greta lässt sich helfen

Es ist ein offenes Geheimnis: Nicht alles in den medialen Inszenierungen basiert auf Gretas eigenen Ideen. Sie hat Berater und hört auf jene, die sich in manchen Dingen besser auskennen als sie. Viele Chefs brüsten sich damit, nicht auf Berater zu hören, weil sie es selbst gut genug wissen. Ihnen sei ans Herz gelegt: Wenn man Zahnschmerzen hat, geht man zum Zahnarzt, denn der ist der Spezialist. Gute Berater sind gute Gesprächspartner und eine Inspirationsquelle. Das Gros der Experten bringt einen Helikopterblick ohne Scheuklappen mit ein. Die Auswahl macht’s und die Kunst besteht darin, weniger seriöse Berater, Besserwisser und all jene, die von der Praxis keine Ahnung haben, außen vorzuhalten und die echten Spezialisten zu involvieren. Eine gute Führungskraft weiß mit guten Beratern zu arbeiten, aufmerksam zuzuhören und das an Informationen zu übernehmen oder an Veränderungen zu realisieren, was sinnvoll ist.

Greta handelt aus intrinsischer Motivation

Menschen aus dem Umfeld von Greta sind sich einig: Die Schülerin ist intrinsisch motiviert. Sie handelt also aus einem starken, inneren Antrieb heraus. Genau das ist der Traum jedes Chefs, dass die Mitarbeitenden aus eigenen Stücken motiviert und engagiert an die Arbeit gehen. Doch einfach so auf Knopfdruck lässt sich das weder auslösen noch anordnen. Ein guter Chef versucht daher herauszufinden, wo die positiven inneren Antreiber der Mitarbeitenden zu finden sind – und kennt diese vor allem auch bei sich selbst, um Vorbild zu sein. Wer diesen Antrieb spürt, ist beseelt, strahlt und spielt in Sachen Motivation in einer ganz anderen Liga. So lassen sich die Menschen im Umfeld bestens fordern und fördern.

Die 16-jährige Greta Thunberg kann ein Ansporn sein, um die eigene Führungsrolle zu reflektieren. Gleichwohl lohnt es sich, auch manches abzugrenzen. Greta kann und soll weder kopiert noch in den Heiligenstatus erhoben werden. Unter zahlreichen Aspekten ist sie ein wahres Vorbild. Doch es gibt auch Themen, die dazu anregen, eher vorsichtig zu sein. Wird es nicht allmählich zu viel Kommerz? Ob zum Beispiel Gretas Segeltörn über den Atlantik ein kluger Schachzug war, ist fraglich. Eine ursprünglich gut gemeinte Kampagne lief dank medialer Ausschlachtung phasenweise buchstäblich aus dem Ruder. Die Diskussion startete mit der berechtigten Nachfrage, woher ihre Begleiter kommen und ob sie mit dem Flugzeug an- und abreisen. Medien spekulierten plötzlich darüber, ob es überhaupt eine Toilette auf der Yacht gibt – mit dem unschönen Nebeneffekt, dass der eigentliche Beweggrund dieser Reise in den Hintergrund trat. Und irgendein Journalist macht immer mal wieder die Rechnung auf, dass das, was sie gerade tut, unter Umständen eben doch mehr CO2 braucht, als wenn sie es eben nicht getan hätte.

Unter Umständen wäre es bei dieser Betrachtung wohl cleverer gewesen, sich mit dem Vater in ein Linienflugzeug zu setzen, kein großes Aufheben zu machen und sich auf den Auftritt und die Botschaften bei der UN-Vollversammlung zu konzentrieren. Wer sieht, wie oft Greta Thunberg heute das Covergirl auf Magazinen ist, muss feststellen: Nicht selten haben die Titel und Medien mit ihren Zielen überhaupt nichts am Hut. Die ursprüngliche Idee, nämlich der Geschichte ein Gesicht zu geben, ist durch die mediale Übertreibung dort gelandet, wo es nur noch um das Gesicht und nicht mehr um die Sache geht. Die gedankliche Brücke zur Führungskraft wird dann klar, wenn man sich fragt: Wie oft geht es um die reine Inszenierung und nicht mehr um den eigentlichen Sachverhalt oder die Mission? Will der Chef hauptsächlich im Licht der Scheinwerfer glänzen? Treten dadurch die oft hehren Absichten des Unternehmens, der Abteilung, des Projekts oder des Teams in den Hintergrund? Das kann passieren, ist dann aber alles andere als zweckmäßig.

Wenn es nur noch um die reine Vermarktung geht, verliert das Ziel. Das ist bei einer Person des öffentlichen Lebens genau wie im Unternehmen. Gerade in größeren Unternehmen gibt es oft genug Manager, die nur ein Ziel haben: bei der nächsten Reorganisation, wenn die Karten neu verteilt werden, eine Stufe weiter oben zu landen. Das hat nichts mit Engagement für das Unternehmenswohl zu tun, das ist Kommerz in eigener Sache. Und das tut Greta nicht gut – und keinem Chef.

Fazit

Abseits vom kritischen Blick: Wer will, kann von jedem Menschen etwas lernen – und von Greta Thunberg noch ein wenig mehr. Um das positive Learning anhand ihrer Person abzuschließen, kommt nach den genannten vier Aspekten noch ein entscheidender fünfter dazu: Sie tut! Vom Know-how zum Do-how! Sie redet nicht nur gescheit daher, sondern nimmt tatsächlich viele Unannehmlichkeiten auf sich. Sie lässt sich blicken, hält Reden, ist vor Ort, schürt Konflikte und versucht sie wieder zu lösen. Es gibt viel zu sagen über ihre Aktivitäten – und bei alledem ist ihr Tun nach wie vor das Wichtigste. Eines sollte uns klar sein: Greta Thunberg wird das Klima nicht retten. Doch sie zeigt, dass es machbar ist, am eigenen Thema konsequent dran zu bleiben. Let’s go – das gilt auch für jeden Chef. Das darf sich jeder in Erinnerung rufen, wenn das Meeting mal wieder in der „Man-sollte-Mal-Schlaufe“ landet …

Autor: Stefan Häseli, Keynote-Speaker, Kommunikationstrainer und Kabarettist, E-Mail: stefan.haeseli@stefanhaeseli.ch, www.stefanhaeseli.ch

(erschienen in HR Performance 5/2019)

 

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